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hat Charlotte ihre Eltern mit Gequengel und Diskussionen überzogen. Sie wollte endlich ans Meer. Einmal wenigstens ans Meer. So oft nach den Sommerferien hatte sich Charlotte von ihren besten Freundinnen die Geschichten vom Urlaub am Meer anhören müssen. Von jungen Männern mit schwarzen Augen, die so ganz anders als die verpickelten Querschläger ihrer Klasse seien. Von Komplimenten, Wasserschlachten und ersten Küssen mit salzigem Geschmack. Von nächtlichen Strandparties, Liebesschwüren und gehaltenen Händen, hatten ihre Mädels erzählt und Charlotte hatte schweigend zugehört, ihren Fahrradurlaub durch Island, die Wanderungen durch die Highlands und das Lamatrecking durch Oberösterreich nur einsilbig erwähnt und vom nächsten Sommer geträumt.

Und nun hatten ihre langweiligen Eltern endlich nachgegeben und sind mit ihr nach Sizilien geflogen. Charlotte hatte bereits am frankfurter Flughafen eine längere Einlassung ihrer Mutter über sich ergehen lassen, die sie vor Gigolos warnte und sie daran erinnerte, dass Charlotte erst vierzehn sei und völlig naiv in klug gestellte Fallen vermeintlichen Liebesgeflüsters tappen würde. Charlotte holte sich ein aus und zählte die Stunden, die es dauern würde, bis sie endlich zum ersten Mal im Mittelmeer baden würde.

Die Ferienanlage war ein Paradies aus blühenden Oleanderbüschen, singenden Kellnern und lauschigen Ecken. Sie war so groß, dass sie wie ein Labyrinth erschien, in dem Charlotte sich in ihre kleinen Freiheiten verirren konnte. Bereits beim zweiten Abendessen glühte Charlottes Haut von Sonne, Salz und Glück. Der Vater hatte ihr eine besonders teure Parfumlotion gekauft und er zwinkerte Charlottes Mutter zu, als er sie ihr überreichte, weil junge Damen mit der Supermarktcreme ja nun nicht mehr auskommen würden.

Charlotte war selig. Auch deshalb, weil sie sich für den nächsten frühen Morgen mit dem jungen Antonio verabredet hatte, der ihr an der Rezeption die Postkarten verkauft hatte. Ganz früh wollten sie zum Sonnenaufgang raus aufs Meer fahren mit dem kleinen Boot von Antonios Onkel und weit draußen schwimmen. Dort, wo keine Touristen herumschwammen. Dort, wo sie keiner sah, wenn sie sich von Antonio ins Boot ziehen lassen würde. Dort, wo sie vielleicht zum ersten Mal einen fast schon erwachsenen Mann küssen würde. Sie bebte und lächelte und bebte und fand kaum schlaf, bis endlich früh um vier der erlösende Pfiff vor ihrem Fenster ertönte.

Charlotte hatte ihren Bikini schon an, warf sich ihr „Fähnchen“ um, wie die Mutter ihren bunten Pareo nannte und tupfte ein bisschen von der neuen Duftlotion auf ihre Arme, dann schlich sie aus dem Bungalow und nahm Antonios Hand, während ihr Herz fast aus der Brust hüpfte vor Aufregung.

„Meine bella Carlotta“ flüsterte er und rannte mit ihr zu seinem Mofa, mit dem sie zum Hafen knatterten. Das kleine Boot des Onkels trug eine Blumengirlande über der Reeling und er hatte eine Thermoskanne mit Kaffee und kleine Brioche eingepackt.

Charlotte wollte die Zeit anhalten, als sie über das Meer zu fliegen schienen. Sie tauchte ihre Hand ins Wasser und versank in Antonios Blick. „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben“ dachte Charlotte bevor sie Hand in Hand mit Antonio von Bord ins kalte Meerwasser sprang. Sie schnappten nach Luft, bespritzten sich, schwammen um die Wette und tunkten sich unter Wasser. Als Antonio Charlotte im Wasser ganz sanft umarmte und sie küsste, schreckte sie plötzlich auf.

An ihrer Schulter war ein zerfetzter Badelatschen angelandet und in weiter Ferne hörte sie durch Motorengeräusche hindurch unglaubliches Schreien und Wehklagen.

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