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Als ich von zweiwöchiger Rundreise in eines meiner drei zu Hausen komme (by the way…: gibt es zu Hause nur als Singular?), will ich so schnell wie möglich auf das inselige zu Hause.

Doch bis zur Abreise sind noch Kofferumpackerein, Wäschewaschereien, Taufereien und Buchhaltereien angesagt. Diszipliniert wie ich bin habe ich mir angewöhnt, mit dem Widerwärtigsten anzufangen. Also erst mal Buchhaltung machen, Rechnungen schreiben und die Raubritter vom Finanzamt bedienen.

Stolz über so viel Disziplin öffne ich also den Laptop, lege Quittungen zurecht, und schaue mich im Büro um. Dummerweise fällt mir just in diesem Moment ein, dass ich ja  mein Auto verkaufen möchte.

A pro pos Auto: möchte hier jemand vielleicht einen wunderschönen, schwarzen Ford Maverick kaufen???

Also um ihn zu verkaufen, muss ich allerdings den Autobrief finden. Ich beschließe, diesen Punkt auf Platz 1 der Prio-Liste zu setzen und fange also an, mein Büro zu durchforsten.

Zunächst lese ich mich in alten Briefwechseln fest, die aus den Jahren 1976 bis 1980 mit meiner damaligen Brieffreundin aus Baunatal stammen. Wir hatten uns im Urlaub kennen gelernt und also schrieben wir uns über viele Jahre. Ich fand sie vor längerer Zeit im Gesichtsbuch. Alt ist sie geworden. Ob sie das über mich wohl auch denkt? Vermutlich.

Anschließend schaue ich mich an alten Fotos fest: Hochzeiten, die ersten Jahre meiner Berufstätigkeit, die Kollegen aus der lörracher Zeit, die Kollegen aus der frankfurter Zeit, meine Pubertät, die ich im Balletsaal im Trikot und in Spitzenschuhen verbrachte, die Zeit in Frankreich, die Kindheit in Italien. Stunden gehen ins Land und mein Autobrief ist nicht in Sicht. Die Spitzenschuhe von damals – also von vor ca. 35 Jahren – habe ich noch und hole sie schnell aus dem Keller, um mir ihre harten Seiten durch die Hände gleiten zu lassen.

Eine Kette aus meiner Stierkampfzeit fällt mir in die Hände und ich beschließe, endlich mal meinen gesamten Schmuck in einem Kistchen zu sammeln. Also suche ich in der nächsten Stunde Schmuck aus fünf Jahrzehnten zusammen. Mein ganzes bisheriges Leben halte ich in den Händen und mir wird klar, wie viel ich erleben und genießen durfte.

Irgendwann stehe ich vor dem kleinen Asche-Töpfchen in dem meine erste Hündin begraben liegt. Aufgrund ihrer kranken Hüften ist sie meistens im Main geschwommen und dort sollte sie auch ihre letzte Ruhestätte finden. Aber ich brachte es nicht übers Herz, die Urne zu öffnen und ihre Asche in den Fluss zu streuen. So musste sie also mit in den Teuto ziehen. Ich schaue mir Welpenfotos vom Frl. Möchtegernwindhund an und bete leise, dass sie – nun da wir wissen, dass der Tumor noch gutartig ist – ihren 12. Geburtstag erleben darf.

Während ich leise vor mich hinwimmere, finde ich in einer kleinen Schatulle meinen Reisepass.

Nun kann ich wenigstens die Freundin in New York mal besuchen. Der Autobrief ist nach wie vor verschollen und die Buchhaltung verschiebe ich auf morgen. Sonst bin ich aber wirklich sehr diszipliniert.

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