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und schwer kämpft er sich über die Straße, wo er doch direkt gegenüber wohnt. Mit 83 könnte er eigentlich noch gut laufen, wenn ihn nicht vor fünf Jahren ein betrunkener polnischer Landarbeiter umgefahren hätte. „Früher“…. so sagt er, hätten dies nur die Bauern ungestraft gedurft. Den Bruder seiner Frau habe einer tot gefahren und bloß Eier & Speck zur Wiedergutmachung gebracht. Was also kostete so ein kleines Leben eines  Landarbeiters umgerechnet? Polizei gab es damals auf der Insel nicht und auch keine Brücke. Der alte Herr liebt es, wenn wir große Augen machen und wir lieben es, wenn er uns Geschichten von früher erzählt. Er stellt eine halbe Flasche, selbst gemachtes „Schlehenfeuer“ auf den mittäglichen Tisch, gießt uns ein und erzählt, dass er seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr trinke. Der alte Nachbar zur Linken erzählt dies auch und erzählt ebenso Geschichten von früher, aber das soll ein anderes Mal hier aufgegriffen werden.

Der Gegenüber-Nachbar also schleppt sich am Stock herüber, wegen der kaputten Knochen und dem betrunkenen polnischen Landarbeiter. Zwar kann der alte Mann kaum noch Laufen, aber er kann Rad fahren, Motorrad fahren und sich an einem riesigen Laufgestell vorwärts bewegen. Für die Straßenüberquerung nimmt er einen Spazierstock und gibt alles, um die 10 Meter zu überbrücken. Sogleich lässt er sich im Sessel meines Großvaters nieder und beginnt zu erzählen: Von den feudalen Bauern (die bis heute die Insel beherrschen), die sich alles und zwar: wirklich alles, erlauben konnten. Von der Bauerstochter, die vom Melker ein Kind bekam, das sogleich von der Insel verschwand und nie wieder gesehen wurde. Von dem Bauern des Nachbardorfes, der jemanden ermordet habe und einfach so davon gekommen sei. Vom berühmten Frauenmörder, dem Jäger, den hier damals alle kannten und von der vielen Inzucht. Die Ehen seien hier bereits bei der Geburt eines Kindes geschlossen worden und erst seit den 70ern habe man aufgehört immer nur ins Nachbardorf zu heiraten, einfach weil alle wussten, dass die Inzucht nicht gut sei. Ein Paar im drei-Orte-weiter-Dorf habe sogar einen Affen bekommen. „Einen Affen?“ brüllen wir ungläubig. „Ja – einen Menschenaffen – Nein… einen Affenmenschen… na egal… also der wollte immer auf Bäume rauf und lebte angekettet an einem Baum, bis er im Alter von 47 Jahren starb“. Im Schaudern rechne ich nach und komme auf ein Sterbedatum in den ausklingenden 40er Jahren. Ich muss weiter mit den alten Leuten hier sprechen und werde mich ins drei-Orte-weiter-Dorf schleichen und ein bisschen blöd schauen und mich schlau fragen. Die Alten sind voller Geschichten und sie erzählen sie uns gerne, denn wir sind Fremde und wir sind im Zwischenalter. Für die Jungen sind wir eher uninteressant, weil wir weder Konkurrenten noch Kunden sind. Das Schicksal des „Affenkindes“ rührt mich und der alte Nachbar rührt mich auch. Täglich winkt er aus seinem Rollstuhl herüber, wenn er den früh morgendlich gefangenen Fisch räuchert. Seine Frau nenne ich „die Lachende“, denn sie lacht immer und seit ich den Feenbaum im Garten des Bruders bestaunte und mich nach dessen Namen erkundigte, haben sie alle nicht geruht, bis sie ihn herausfanden. Nun, da ich als Bewunderin des Feenbaums im Dorf zweifelhafte Bekanntheit erlangte, wird er mir sicher gestatten, selbigen im Sommer abzulichten, denn das Internet zeigt kein Foto dieser Pflanze, die eigentlich als Strauch gedacht war, aber nun ein Baum geworden ist. So wie das Kindlein, als Mensch gedacht war und ein Äfflein wurde, einfach weil es man dafür hielt.

Eigentlich wollte der Gegenüber-Nachbar nur ein bisschen frisch geräucherten Fisch bringen und uns erzählen, wie man das Schlehenfeuer selbst macht. Die Schlehen hat er selbst im letzten Sommer im Knick geerntet. Einen ganzen Eimer habe er auf dem Moped nach Hause gefahren.

Langsam wird es warm und die Fasanen, die ich alle Hubert nenne, sind taumelig liebeskrank. Unser Dorf ist voller Huberts und drum werde ich es künftig „Hubertsdorf“ nennen. Drei befreundete Spatzenpaare haben sich entschlossen, in unserer angebotenen Ferienwohnung, die wir rückwärtig am Bullerbü-Häuschen angebracht haben, Nisten zu wollen. Die Damen schleppen fleißig Federn und Ästchen in die Nistkästen, während die Kerle bräsig im Baum sitzen, zuschauen und vermeintliche Feinde vertreiben. Meine persönlichen Freunde sind die Bachstelzen, die in nebenan-Nachbars Schuppen unter der Regenrinne nisten. Ich freu mich auf sie, denn der Winter war so scheixxenlang… aber das sage ich bereits.

 

fisch

 

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