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lese ich im benachbarten Teestübchen und schon startet der Film im Kopfkino so, als sei er erst gestrig gedreht.

lc3a4den-alltagskultur

 

Mein Großvater war Gastarbeiter. Als er aus der russischen Gefangenschaft kam, hatte er sich im Norden Frankfurts eine Lederfabrik gepachtet. Die allerdings brannte in den fünfziger Jahren ab und die Stadt Neu Isenburg setzte ihn vor solch große und teure Hürden des Wiederaufbaus, dass er aufgab. Es kam ein Angebot aus Italien und so zog er mit Gattin und den drei Töchtern in die Nähe von Pisa. Während er dort eine Gerberei leitete und der Bürgermeister des stinkenden Dorfes noch bei der Hochzeit meiner Cousine dem alten Herrn dankte, wuchsen seine drei Töchter dort auf.

Man war übel beleumundet im stinkenden Gerbereidorf, denn die Deutschen hatten sich eine Wassertoilette einbauen lassen in die Wohnung und das schien fast so pervers wie viele andere, weitaus schlimmere Dinge. Hätte der alte Herr sich verpflichtet, dort fünf Jahre zu bleiben, hätte man ihm ein Haus geschenkt. Aber der alte Herr wollte unabhängig bleiben. Er blieb 25 Jahre und bekam kein Haus. Dafür bekam meine Mutter einen italienischen Schulabschluss und zunächst eine Lehrstelle in Florenz, dann in Frankfurt bei der Frankfurter Rundschau. Sie wurde Verlagskaufrau (gibt’s so heute gar nicht mehr), lernte meinen Vater kennen undsoweiterunsweiter.

Ein Kind wurde geboren, also Ich, und kaum das es Laufen konnte, durfte es in Italien bleiben. Die Familienlegende lautet: Du wolltest das so.

Nun…. als ich größer wurde und so manches wollte, durfte ich es nicht. Z.B. mit 16 das Gymnasium verlassen, um an der Hochschule für darstellende Kunst, ganztags weiterhin die Ballettetage zu beehren. Aber als ich angeblich mit 2-3 Jahren in Italien bleiben wollte, da durfte ich. Mehr ist den Generationen über mir nicht zu entlocken.

In Italien konnte man meinen deutschen Namen nicht aussprechen, ohne dass es nach Übelkeit und Erbrechen klang. Also löste ich das gekonnt, indem ich den Namen meiner dortigen Freundin annahm. Wenn mich jemand nach meinem Namen fragte, so hieß ich „Lucia“.

Meine Familie schleppte mich zweimal im Jahr von Italien nach Deutschland und zurück. Ich hatte zwei Sprachen, zwei Elternhäuser, zwei Freundinnenkreise, zwei Wohnorte und nur einen Kindergarten: den Deutschen. Den habe ich gehasst und den italienischen Kindergarten hatte ich sehnsüchtig vor der Nase, aber dort durfte ich nicht hin. Also stand ich vormittags am Fenster meiner Großmutter und schaute auf die Kindergartenkinder in ihren schwarzen und weißen Schürzen. Um mein Seelchen zu erfreuen, ging ich ins Alimentari um die Ecke.

„Paga Nonna“ (die Oma zahlt)…. Sagte ich routiniert schon beim Eintreten. Meine Kindernase nahm die herrlichen Gerüche von Seife, Käse, Wurst, Waschmittel und Mottenkugeln auf. Ich nahm aus der Theke einen kleinen Formaggino (Käs’chen) und aus dem Regal ein Miniaturnutella‘chen, so wie man es heute noch morgendlich in den Hotels am Frühstücksbuffet findet.

Im Hotel bin ich heute noch gerne und vermutlich habe ich immer schon, wegen des frühen Musters: zwei Wohnungen, zwei Leben, zwei Sprachen (und bis vor einigen Jahren immer einen Mann zuviel).

Während ich in Deutschland zum Karneval als Clown oder Schornsteinfeger gehen musste, durfte ich einmal wenigstens in Italien fast die Prinzessin sein, die ich immer habe sein wollen und es doch nie war.

Von der Nachbartochter Allessandra bekam ich das abgelegte blaue Feenkostüm mit allem Pipapo: den Dreieckshut mit Tüllschleier, das hellblaue Tüll-Satinkleid mit aufgenähten Sternen und weiten Ärmeln, den Zauberstab mit blauem Glas-Stern oben drauf. Dazu zwei Stunden Verwandlung mit hellblauer Perücke, geschminkten Katzenaugen und meinem ersten Make-up.

Wir schreiben 1969 und ich bin fünf Jahre alt und weiß noch nicht, dass die Einschulung in Deutschland kurz bevor steht.

Glücklich gehe ich als blaue Zauberfee ins Alimentari um die Ecke. Ich greife nach Formaggino und Mini-Nutella…als mich die Signora hinter der Theke fragt:

„Ma tu chi sei?“ …. (Ja,wer bist Du denn?)

„Sono della mia Nonna“(ich bin die von meiner Oma)

„E chi’è tua Nonna?“ (Und wer ist Deine Oma?)

„Quella di sempre“ (die von immer)

Sie hat mich gewähren lassen wie immer und die Oma hat bezahlt –wie immer.

Ich hingegen war selig, so gut verkleidet zu sein, dass mich niemand erkannte.

 

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