Durchkomponierte dramatische Großform…..

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so benennt unser aller liebstes Internetlexikon die Oper, die ich suchte, einfach weil ich nächtens um 4 eine Handynachricht beantwortete und mich die Freundin fragte, ob ich nicht mehr schlafe. Auf meine Beschwichtigungsversuche hin antwortet sie mir, dass es bei ihr auch so sei, dass sie immer „alles gut“ sage, wenn es ihr besonders miserabel ginge. Ich antworte natürlich „alles gut“ und gestehe erst spätabendlich, dass es bei mir ebenso sei wie bei ihr.

Ich nenne das „Madame Butterfly“…. Wegen des immer nur Lächelns und immer vergnügt.

Mutter, Mann und Freunde verstehen das nicht. Sie finden, man müsse reden, wenn man traurig sei. Ich finde das nicht, denn wenn ich rede worüber ich traurig bin, werde ich noch trauriger. Immerhin sitzt ein klitzekleiner Käfer auf meinem Bildschirm, während ich dies schreibe, und also geht das Leben weiter. Es erwacht, während mein Herzenstier immer müder wird. Ich hoffe, mein Herz bleibt nicht stehen, wenn seines plötzlich zu schlagen aufhört. Aber das wollte ich gar nicht ausbreiten, sondern meine Liebe für die Callas.

Obwohl das Reden mein Job ist und meine Stimme seit 26 Jahren immer schlechter und kratziger wird, bin ich kein Freund davon, mich intensiv mit zu teilen. Ich schaffe es, in fünf knappen Worten mein gesamtes aktuelles Lebensgefühl mitzuteilen und bitte darum, dies nicht zu kommentieren. Nun gut, hier verhalte ich mich gerade gegenteilig zum bisher Geschriebenen, aber es ist meine Spielwiese hier und da darf und will ich das ….. also das „meer mitteilen“.

Wenn ich mich also tapfer durch den Tag, den Abend, die Nacht schlage, dann darf ich meiner Tapferkeit kurz Einhalt gebieten und mich der Callas hingeben. Während ich im face-to-face immer stark und aufrecht bin, nehme ich mir am Abend ein Schlückchen Callas und weine still vor mich hin.

Ihre Arien habe ich mir – um die Ratio ein bisschen zu pflegen – von anderen Interpretinnen (Cabellé, Netrebko, Tiri TeKanawa) angehört und alle für untauglich befunden, was meine Erreichbarkeit angeht. Sie alle mögen gut singen können, aber erreichen kann mein Herz keine außer ihr.

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Morgens um 5

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scheint die Welt in Ordnung, während ich mit dem Froillein auf die Felder schaue. Im Dorf ist alles ruhig, fast als gäbe es keine Menschen, und wir genießen den friedvollen Moment, in dem die Sonne auftaucht und die vereisten Felder schimmern lässt. Die Vögel jubilieren, ich nehme einen tiefen Atemzug Glück und kraule struppiges Fell, schaue in braune Mandelaugen.

Um 10 vor 7 steht bereits die Dachdeckermannschaft grinsend vor der Tür, ich schmeiße den erschrockenen Mann aus dem Bett und lasse Kaffee aus dem Tamagotchi laufen.

Um 10 vor 8 haben die Nachbarinnen bereits die Wäsche zum Trocknen rausgehängt und ich mir in alter Gewohnheit die Laune durch Schlagzeilen verdorben.

Bisher hielt ich es immer für eine Tugend, stets informiert zu sein, die aktuellen Verwirrungen zu kennen und mir ein Bild zu machen. Nun überlege ich, ob es nicht reicht, wenn ich dies nur einmal wöchentlich tue. Despoten schießen wie Pilze aus dem Boden, Menschen schaffen ihre Freiheiten ab und überall scheint man der Globalisierung in einer globalen Welle des Zäune hoch ziehens entgegen wirken zu wollen.

Um 10 vor 9 werde ich ans Meer aufbrechen und mit dem geliebten Tier eine kleine Strandrunde machen, tief in unseren Gedankenaustausch versunken nach weiteren Rehen Ausschau halten.

Bock

Ich kleide mich in Schweigen…..

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trage wolkenverhangene Gedanken auf dem Kopf und halte mir die Ohren zu. Sie reagieren einfach zu empfindlich auf Geschwätz und Unterhaltung, Dialoge und selbst gut gemeinte Aufmunterungen lasse ich vorbei schwurbeln, da ich ja nichts höre, während ich mir die Ohren zu halte.

Meine Kraft konzentriere ich wie einen Laserstrahl auf Tapferkeit. Das ist anstrengend und raubt mir den Humor. Das Lachen ist mir vergangen und ich habe keine Ahnung, wo es sich versteckt.

Das alte Froillein kann unsere üblichen 8kilometrigen Morgenrunden nicht mehr gehen. Es ist ihr zu anstrengend und lieber verschläft sie den ganzen Tag, sucht Sonne und mich.

Wieder einmal befürchte ich ihren baldigen Weggang und mein Herz rast im Widerstand.

18april

Und dann sitze ich da so, in meinem selbst gezimmerten Elfenbeinturm…

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und schaue vor mich hin, blicke über die Ländereien und stelle konsterniert fest, dass der Frühling nun doch kommt.

Gegenüber den Eltern im Maindörfli liegen wir hier oben temperatur- und floratechnisch gute vier Wochen zurück und dennoch hinkt mein Seelchen hinterher.

Ich habe mich eingerichtet in einem trüben Januarnebel. Frühmorgens verderbe ich mir bereits im Bett die Laune, indem ich am Handy die Schlagzeilen lese. Drei Stunden später führen sie zwar zu einem verzweifelten Heiterkeitsausbruch, aber mittags bereits schlage ich mir mit allerlei Selbstbeschimpfungen das Hirn zu Brei. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, lasse ich hier gerade nicht die Gedanken frei fliegen, auf blühenden Bäumen sitzen oder in Elfenbehausungen Führungen veranstalten. Ich sitze dumpf im Sumpf und streite mit mir und der Welt.

Ich löse Schaften auf. Freundschaften, Kundschaften, Kollegenschaften…. und alles ohne Plan B.

Das Möchtergernwindhundfräulein löst sich auch zunehmend auf. Sie hat das Lachen verlernt und das innige Verhältnis zu Kaninchen gelöst. Der Hund, den ich immer anleinen musste, ob seines Jagdtriebes, schlurft gedankenverloren hinter mir her und lässt auch gerne mal eine Mahlzeit ausfallen. Bedenklich, wie die Welt zugrunde geht.

 

Mir ist heute nach Cascabeles Azules

Bevor ich mich im Grau vergründele, sollte ich vielleicht – bevor mir jemand eine neu erfundene Frühjahrsdepression anhängt – kurz davon berichten, wie unglaublich albern kichernd ich den ersten April verbracht habe:

Mutter und Mann erstaunten sich über Donald Trumps Rücktritt.

Die Freundin, die beim NaBu arbeitet, brachte ich in Fassungslosigkeit, ob des Serengeti-Parks, der am Nordstrand entstehen sollte. Die Liste zur Unterschrift dagegen, hielt ich bereit.

Den Mann der liebsten Freundin…. nun der, hat mich wieder begeistert. Dachte ich doch, ich würde seine Herren-Runde-Reise nach Andalusien mit der Ankündigung meines Kommens, zwecks Einweisung in die Regularien der Corrida, in tiefe Verzweiflung stürzen. Aber: Nein.! Er freute sich und war dann zutiefst betrübt, als er die Fälschung meiner Carteles erkannte, einfach weil meine Buchungs-IBAN als letzte Zahl die 1417 enthielt und der Auftritt meines Lieblingstorreros bereits zwei Monate vorher stattfand. So sagte ihm das das weltweite Netz.

Zwar bin ich seit 15 Jahren corrida-abstinent, aber ich habe den ersten April dennoch laut kichernd verbracht und mich ein bisschen nach alten Zeiten gesehnt. Ich kichere – also bin ich.

Was die Kanzlerin und das T heute besprochen haben….

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…..entzieht sich leider meiner Kenntnis, und nur zu gerne würde ich gänzlich unbemerkt, etwa als kleine Kicherspinne unter dem feudalen Holztisch, zuhören bei solcherlei Terminen. Womit ich – was die Spinnen angeht, beim Thema bin. Das Spinnen ist mir auch ein Begriff, schon von Berufswegen aus, aber das soll hier nicht Gegenstand meiner Rätselratereien sein.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass es die goldene Regel unseres Haushalts gibt: nur eine Zitterspinne im Bad. In meinem Fall, heißt die Zitterspinne Amanda und hat sich immer brav an die Hausregel gehalten. Gelegentlich habe ich mich gefragt, wie alt Zitterspinnen werden und das große weltweite Netz wusste eine Antwort: 3 Jahre.

Dies ließ mich gelegentlich daran zweifeln, ob Amanda noch Amanda ist, aber ich denke schon. Gelegentlich sah sie etwas alt aus, hockte da zusammengeknurzelt in ihrer Badezimmerecke und fast schon sorgte ich mich um sie. Irgendein Galan hat es heimlich geschafft, Amanda näher zu kommen. Vermutlich hat sie ihn nach dem Akt aufgegessen und Vegetarismus ist denen eh völlig fremd. Auch die entstandene Brut hat sie im insektenarmen Winter aufgegessen.

An dieser Stelle des Textes, muss nun ein Aber ins Spiel.

Aber…. zwei kleine Zitterspinnen hat Amanda vergessen. Die saßen fingernagelgroß neben ihrer dreimal größeren Mutter und kurz hob ich – ob der goldenen Hausregel – das Rohr des Staubsaugers hoch. Nur, jetzt mal im ernst: könnten Sie Kinderspinnen töten? Ich nicht.

Und Amanda kann ich auch nicht töten, die gehört zum Badezimmer in die Ecke über dem Spiegelschrank. Von der Ausrottung der Alten halte ich, ganz uneigennützig, auch nichts. Also habe ich sie beobachtet und bin mir sicher: sie haben sich miteinander unterhalten. Alle drei kraulten und ruderten mit ihren Beinchen in der Luft herum.

Im Bett liegend fragte ich mich, worum ihr Dialog gegangen sein mag. Ähnliches fragte ich mich, bezüglich des Dialogs zwischen der Kanzlerin und dem T. In beiden Fällen konnte ich leider kein Wort verstehen. Aber die Zitterspinnen haben sich unser Bad aufgeteilt. Jede hat nun eine Ecke für sich bezogen und Mütterchen Amanda ist über die Dusche gezogen. Ob die A und das T sich die Welt auch neu aufgeteilt haben heute?

Wir werden es erfahren, so wie ich ja auch erfuhr, worum es in dem Gespräch der Zitterspinnen ging.

Morgen früh werde ich noch den zahmen Rehbock fragen, was er über die Welt weiß. Wir nehmen das als gegenseitiges Training im Gedankenlesen und ich werde tief und ratlos Seufzen.

Dann springe ich auf den Zug und gehe zur Jagd. Ich hoffe auf Trophäen von Erfolg, Durchsetzung und Spaß.

kopflos im jägerrock

Das Leben steht in den Startlöchern….(Inselgeheimnisse 16)

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…. und noch fegt ein eiskalter Wind über das sonnendurchflutete Inselanien. Opa Paulsens Witwe steht in ihrem Garten und wischt sich die Tränen fort. Sie findet den Rasenmäher nicht, den er in den Tiefen des alten Stalls versteckt hat. Und nein, sie könne seine Sachen noch nicht wegräumen, sagt sie.

Hubertchens (Fasane) stolzieren erhobenen Hauptes über die Dorfstraße und ein Fasanenweibchen testet unseren Garten bezüglich seiner Nisttauglichkeit. Die Eibe hat es ihr angetan und ich hoffe, sie entscheidet sich für den Wohn- und Gabärraum bei uns.

Bauer Janssen hat fünfzehn Bäume gefällt, um Ferienhäuser zu bauen. Einen Baum hat er von den Arbeitern für Opa Knapps zersägen lassen. Opa Knapps heizt sein kleines Häuschen mit Holz und also verbringt der alte Mann täglich viele Stunden vor dem Holzhaufen. Im Rollstuhl sitzend spaltet er das Holz, als ob es nichts wäre. Auch der andere achtzigjährige Nachbar spaltet stundenlang Holz. Sie scheinen keinen Schmerz zu spüren, nix „Rücken“, keine Müdigkeit.

Ihr ganzes Leben haben sie nichts anderes getan, als körperlich hart zu arbeiten und so werden sie auch diesen Sommer täglich im Garten ihr Gemüse pflegen, umgraben, Unkraut zupfen und sich nicht schonen.

Ich habe soviel Schufterei und Disziplin nicht gelernt. Bin Kopf- und Mundarbeiterin und daher habe ich ganz schnell „Rücken“. Das könnte mir zwar peinlich sein, aber ich habe es mir weitgehende abgewöhnt, dass mir etwas peinlich ist.

Vermutlich aber ist es so, dass hier irgendwas in der Luft liegt, das diese alten Leute so tapfer und stark sein lässt.

Während alle Schuften und auch der Mann schon mit Gartenarbeit droht, genieße ich die letzten Tage in Gummistiefeln und wate mit dem alten Fräulein stundenlang an der Küste entlang. Einige Tage noch dürfen wir auch die Vogelschutzgebiete durchqueren und die Einsamkeit genießen. Dann werde ich wieder die Lederschühchen anziehen, das Köfferchen packen und aufs Festland fahren.

schatten

 

Rockabilly und der Freischütz

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Gelegentlich und viel zu selten, gönne ich mir eine klitzekleine Auszeit von Inselanien oder Jobreisen, und besuche Freundinnen auf dem Festland. Wir besprechen die wirklich wichtigen Dinge bei indischem Essen und klären weltbewegende Fragen: Warum besteht der Hund Herr Garp darauf, dass Inge Käse in den Wald wirft? Wie kann es sein, dass Herr Garp sich gelegentlich den in den Wald geworfenen Käse von einem Buntspecht stibitzen lässt? Sollen Frauen über 50 noch Kinder bekommen? Und worum eigentlich, geht es im Freischütz, den wir tagsdrauf besuchen werden, einfach weil ich ganz selten, aber gelegentlich schon, etwas Oper benötige, um frisch zu bleiben.

Auf dem Nachhauseweg vom Inder sinnieren wir noch über die Frage, was altersangemessen sei. Die Freundin erzählt von ihrem Schrecken beim Facharzt, als die junge hübsche, schlanke Frau, mit den langen blonden Haaren und der wirklich aussagekräftig engen Jeans mitsamt perlenbestickter Jeansjacke sich umdreht und damit als faltige Mittsiebzigerin entpuppt. Wir kommen auf altersangemessene Kleidung und ich fange an zu schaudern. Sehe vor meinem geistigen Auge beigefarbene mittellange Röcke, und Perlenketten am Hals. Am nächsten Vormittag streiche ich durch die regnerische Stadt und scharwenzle um einen Laden, in den ich schon seit vielen Jahren hinein wollte, mich aber nicht so recht traute.

Harmlos schauend, schiebe ich Feenkleider und Kettenhemden vor der Undergroundfactory hin und her. Neben dem Schaufenster mit den Totenkopfketten hängt ein Hinweis auf ihren Zweitshop mit Rockabilly-Klamotten. Und fluxx stehe ich nach fünf Jahren drumherum schleichen endlich drin. Die blondierte und gepiercte wirklich junge Frau versucht mich mit der Bemerkung aufzuheitern, sie hätte viele Kundinnen um die vierzig und ja… man dürfe auch mit Hüftgold durchaus gewagtes anziehen. Das tröstet mich und also steige ich in Petticoats, Neckholder-Kleider und türkisfarbene geschlitzte Röcke mit orangenen Schmetterlingen drauf. Ich brauche dringend was für die Oper am Abend.

Vor über 25 Jahren habe ich tatsächlich eine Drogeneinrichtung beraten und bin dort im schwarzen Petticoat und Mary-Poppins-Stiefeln aufgeschlagen. Nun gut, ganz so wild brauche ich es heute nicht mehr, aber der wirklich enge Rock mit schwarzen und roten Streifen ist bereits an die Kasse verbracht. Die schwarze Bluse mit weiß gestickten Ankern auf dem Kragen weise ich streng mit Hinweis auf mein Alter zurück. Das geht nur mit zwanzig. Mit paarundfünfzig sieht das aus, als meinte frau es ernst und also gehen Anker gar nicht. Als notorische Schwarzträgerin steige ich noch in ein irgendwie merkwürdig anmutendes Dingelchen und weiß sofort: „das ist mein Rock“! So wie die letzten Mary-Poppins-Stiefel, werde ich auch ihn bestimmt viele viele Jahre tragen.

Selig, weil der altersgerechten Kleidung entkommen, überstehe ich dann auch noch den wirklich gut inszenierten Freischütz.

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Wetterbericht

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Es wird Frühling und langsam kommt Leben in die Bude. Noch darf ich mit dem alten Möchtegernwindhundfräulein im Vogelschutzgebiet am Strand entlang laufen. Dies wird am 1.April aufhören, und nein, das ist kein Scherz.

Noch kann sie nach Herzenslust am Deich herumflitzen – sehr zur Begeisterung der Tierärztin. Jene wundert sich über den federnden Trab, den das Fräulein beim Eintritt in die Hundehölle (Tierarztpraxis) stolz zeigt, bevor es ihr leider an den Kragen geht (Elektrolytespritze und Zahnstein ankratzen). Als ich die liebenswerte Tierdoc vor einigen Tagen anrief, hielt sie den Atem an und ihre Stimme klang schwer. Als ich sagte, ich wollte mich nach drei Monaten nur mal melden um zu sagen, dass soweit alles o.k. sei, atmete sie hörbar auf und meinte: das ist endlich mal eine gute Nachricht zur Beginn meiner Sprechstunde.

Ganz ehrlich…. die Tierdoc mag uns und wir mögen sie auch. Sie nimmt Anteil und zerbricht sich den Kopf und freut sich, ebenso wie ich, dass wir in aller Ruhe quatschen können, solange noch keine Urlauber da sind.

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Die ersten Urlauber sind da und die ersten Geschäfte und Restaurants öffnen gerade wieder. In vier Wochen wird sich Inselanien noch mehr füllen und unsere geruhsamen Flitzereien auf den Deichen werden sparsamer oder wir werden die Uhrzeiten verändern müssen („die Urlauber schlafen noch“). Sehr zum Erstaunen unserer Freunde, plane ich gerade keine längeren Reisen mehr (außer den beruflich Notwendigen). Ich möchte jeden Tag mit dem alten Fräulein genießen. Gelegentlich kracht der Rücken zusammen und der Hund findet sich am Boden wieder. Aber dann rappelt es sich auf, das geliebte Begleittierchen und federt wieder munter einem Kaninchen hinterher. Die vielen zahmen Rehe hingegen, schaut es neugierig an und ich überlege, ob ich nicht Warnungen für die Urlauber im Dorf aufhänge: Die Rehe und das Damwild sind zahm. Sie haben bei einer lustigen Hetzjagd keine Chance.

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Der Jäger mag uns glücklicherweise auch. Er ist fasziniert vom windigen Wesen und würde jederzeit ein Auge zudrücken. Da jedoch Rehe meine Lieblingstiere sind, werde ich das Fräulein immer am Hetzen hindern. Wir den Deich.

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Im Hafen ist das erste Restaurant wieder offen, mit dem lustigen Kellner aus Linz. Lachend begrüßt er uns, schwärmt vom Schnee und seiner Heimat. Ostern ist spät dieses Jahr und so haben die Andalusier des Nordens noch Zeit, bis alles wieder chic ist. Mein Lieblingsfischverkäufer verrät mir ein Geheimnis: er war früher Koch. Und also weiß ich jetzt, wie man Dorsch im Ofen macht.

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Ein Glück ist, dass unsere Freunde uns (noch) hinterher reisen. Denn die Insulaner sind speziell.  Und so kamen bereit die teutonische Freundin mitsamt ihren Hundedamen (den Kinderfreundinnen des Fräuleins) und es kommen bald noch mehr. Das ist wunderbar. Derweil sind wir in den Kulturkreis Inselaniens aufgestiegen und seufzen noch immer über die unendliche Stille des Eilands. Nur die Esel im Nachbardorf hört man nachmittäglich über die Felder rufen. Die achtköpfige Pfauenfamilie hingegen ist merkwürdig still.

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Die Männer der Insel schwärmen von Erika. Sie sei rattenscharf, zwar etwas sparsam ausgestattet, aber immer bereit und verlässlich. Wirklich jedem Kerl spende sie Freude. Ihr Manager gibt eine Zufriedenheitsgarantie und der Mann möchte Erika nun auch benutzen. Mir schaudert. Er hat bereits eine Knochensäge und will nun auch noch Erika. Wieso eigentlich vertraue ich ihm noch? Seine Eier hingegen erfreuen die Landfrauen. Auch wieder schön, eigentlich.

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Nichts hat ihn halten können…….(Rostparade 16)

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und also hat Opa Paulsen den Anker eingeholt und die Leinen gelöst. Er fährt in die unendliche See, bereist nun den Ozean ohne Wiederkehr, und wird dort hoffentlich aller großen Geheimnisse wahr.

Tapfer winkt ihm Oma Paulsen nach, während ihr die Tränen laufen. Kleiner ist sie geworden in den letzten Tagen und schmal. „Die letzte Reise muss er alleine antreten“ sagt sie Tapfer und steht doch nur mit Mühe und von den Enkeln gehalten am Kai.

„Er ist der dritte Mann, den man mir nimmt“….. sagt sie mir am Tag vor der Beerdigung…..“ aber ich kann mich nicht gewöhnen daran“. Ich frage sie, ob ich ihr helfen kann in den nächsten Wochen. „Neeeej…“ winkt sie ab und verweist auf Kinder und Enkelkinder. Ich grinse „na ein bisschen Ablenkung vielleicht?“ und denke daran, sie mit auf den Deich zu nehmen, oder in mein Lieblingscafé einzuladen.

„Jo, komm ma rüber aufn Schnack“ lächelt sie vergnügt, bevor ihr wieder die Tränen laufen.

 

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Am letzten Tag des Monats, folge ich mit Freude Frau Tonaris Rostparade. Bei Ihr sind alle relevanten Ver-Rostungen verlinkt🙂

Still….

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ruht das angeschrabbelte Haus von Gegenüber.

Mama ist im Himmel und Opa im Heim. Jones, der gerade zwölf wurde, ist immerhin nicht im Heim, sondern beim Papa. Der hat zwar eine neue Frau und neue Kinder, aber alles ist besser als das Heim, findet Jones.

Die schon großen Kinder haben nun die Mutter zu Grabe getragen und das Haus abgeschlossen, vermutlich wird es einfach noch weiter verkommen.

Im Sommer sprang Jones vergnügt auf des benachbarten Trampolins herum und also fragte ihn der weltbeste Mann wie es ihm gehe. Jones überlegte kurz, rollte die Augen und sagte: „naja…. es ist saublöd, wenn man der Mutter beim Sterben zusieht.“

Nun sah ich die alte Nachbarin erstmals seit fünf Jahren, ihren kugelrunden Körper in Seidenstrumpfhosen, Rock, Pumps und Handtasche verbringen. B.`s Begräbnis….. schoss es mir durch den Kopf.

Das Leben geht weiter. Immer weiter. Das ist die größtmögliche Schmach und zugleich der größtmögliche Trost und zugleich das größtmögliche Rätsel.

Zeitgleich belehrt uns der blonde Trampel aus Übersee, daß Politik und Wirtschaft sehr gut einher gehen können. So wie einst seine Bilanzen, so schönt er nun die wissenschaftlichen und andere Fakten, ist äußerst kreativ und gefährlich. Dabei haben wir doch noch vor einigen Jahren gegen die Globalisierung demonstriert. Ah ja…. so kann es gehen, wenn Wünsche wahr werden.

Nun gut. Ich habe beschlossen, mich  weitgehend aus der großen weiten Welt heraus zu halten. Am Strand fische ich Plastikmüll aus den Algen. Mit der anderen alten Nachbarin schreibe ich eine Dorfchronik für ein ein sterbendes Dorf, das in zwanzig Jahren vermutlich von der Landkarte verschwunden sein wird. Ich liebe „für-nix-gut“-Tätigkeiten.

Ansonsten erschaudere ich beim Anblick der Damwildherde am Straßenrand, breite die Arme unter wieder kommenden Zugvögeln aus, liebkose das alternde Möchtegernwindhundfräulein und plane eine sinnlose Sammlung von Liebesgeschichten der alten Menschen auf Inselanien.

damhirsch