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Der vorläufige Abschluss dieser Reihe soll dem Laden meiner Tante Oda gewidmet sein.

Natürlich war sie nicht meine Tante, sondern eigentlich die Tante meines Onkels Umberto und also die Schwester meines dritten Großvaters Nonno Ugo. Da meine Eltern in Deutschland lebten und auch die Eltern meines Vaters, bin ich in Italien bei zwei Großelternpaaren aufgewachsen. Letztlich waren es die alten Italiener, die mich und mein Leben mehr geprägt haben, als der deutsche Teil der Familie. Besonders Nonno Ugo, der als ewiger Roter und Fabrikarbeiter schon zu Mussolinis Zeiten die rote Fahne aus dem Fenster hielt, der die Künstler der Region in seinem Zimmer versammelte, um mit ihnen zu singen und ihnen Rotwein zu verabreichen. Den Rotwein zahlten sie in Bildern, die sein Zimmer bis unter die Decke zierten. Zumindest die Wand über dem zerschrabbelten Ledersofa. Die gegenüberliegende Wand war vom Boden bis zur Decke mit Regalen gefüllt, die allesamt Wagner-Schallplatten enthielten. Er konnte blind aus einem Regal eine Platte ziehen, sie auflegen und sodann schloss er die Augen und nannte Stück und Dirigent der Aufnahme. Zu Ostern ging er die Internationale absingend aus der Küche, wenn seine Frau dem Segen des Papstes unter Tränen der Rührung lauschte. An den ruhigen Abenden schrieb er Kurzgeschichten und Skurriles.

Seine Schwester Oda also, um mal langsam aufs Thema zurück zu kommen, unterhielt einen kleinen Laden inmitten des Dorfes, dem Paese. Ich habe jetzt lange überlegen müssen, wie man diese Läden nennt. Ich denke, es war ein Kurzwarengeschäft.

Nur Frauen kauften bei Zia Oda ein. Das kleine Geschäft umfasste wohl 15 qm und erschien mir unendlich hoch. Es roch nach Kernseife und Mottenkugeln. Für uns Kinder gab es Süßigkeiten und per le donne gab es alles was das weibliche Herz zu begehren schien:  Klostopfer (die ja nicht stopfen, sondern entstopfen sollten), Tischdecken, Büstenhalter, Strumpfhalter und alles, was Damen kichern ließ. „Fa’mi vedere le mutande“ rief meine Großmutter, wenn wir Odas Laden betraten. Oda hatte ein breites, mondförmiges Gesicht, lieblich umrankt von ondulierten braunen Locken. Sogleich betrat sie ihre Trittleiter, um in schwindelerregenden Höhen nach Hosen in der Größe meiner Großmutter zu suchen.

Sie breitete dann verschiedene Modelle aus Wolle, feiner Wolle und Baumwolle vor meiner Großmutter aus und schickte mich zu ihrem Mann, Zio Alberto, der links hinter dem Laden auf einem Flechtstuhl in der Küche saß und mit mir herum alberte. Er war ein kleiner, hagerer Kerl, der viel zu früh an seinen vielen Zigaretten eingegangen ist. Wenn dann die Signore vorne im Laden die Fragen zu Unterwäsche und Dorfklatsch geklärt hatten, gab es ein weiteres Lutschbonbon für mich und schwups standen wir wieder auf der Straße.

Eigentlich hätte mir eine Packung Mottenkugeln viel größere Freude bereitet, denn süß mochte ich nie besonders, aber der Geruch von Mottenkugeln bereitet mir noch heute ein größtmögliches Gefühl von Wohlbefinden.

 

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Dies ist eine Assoziation zu der herrlichen Geschichtensammlung des benachbarten Teestübchens.

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