Mit geschlossenen Augen….

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stehe ich am Bahnsteig und ignoriere die gefühlten 20 Mütter mit den gefühlten 30 Kindern und dem dazugehörigen Reisematerial aus Koffern, Buggys, Rucksäcken, rosafarbenen Puppenwagen, Teddys. Sie treten ihre Rückreisen aus der Eltern-Kind-Kur an. Einige brüllen und eine Mutter schimpft „die schlechte Laune lässt Du auf der Insel“. Gott bewahre – denke ich. Ein paar Zöllner stehen noch herum und also wird sich die Abreise verzögern, da sie erst den Zug durchkämmen werden, der gerade mit der Fähre aus Dänemark angeschippert kommt.

Ich setze mich zu einer italienischen Mutter mit ihren zwei wahnsinnig gut erzogenen Kindern und lausche ihnen sehnsüchtig, was sie nicht wissen können, was aber auch egal ist, denn die Kinder freuen sich an vorüberziehenden Pferdeherden, Schafherden und dem verbliebenen Schnee.

In Hamburg steige ich dann in den großen Zug, der mich nach Bankfurt bringen wird. Mit mir im Speisewagen sitzt der lustige TV-Arzt und telefoniert munter, während ich mir seine spitzen Schuhe aus Schlangenleder betrachte und zu lesen vorgebe. Der Blick in die Bordküche ist nicht wirklich appetitlich und die Toilette schwimmt in etwas, das ich nicht wissen möchte. Das hält einen jungen Mann nicht davon ab, in seinen Socken die nasse Toilette zu betreten und ich kriege Kopfkino. Sehe Bakterien, die er in die Wohnungen seiner Gastgeber trägt, weil er bemüht höflich, natürlich die Schuhe ausziehen wird usw. usw. usw. Der Frankfurter Bahnhof mit seinem Dreck, den Tauben und den schlurfenden oder hetzenden Gestalten trägt nicht zu meiner Entspannung bei. Die schlurfenden Gestalten das sind die, die Dich um einen Euro anbetteln, die nach Pfandflaschen wühlen oder mit zerrissenen Klamotten in einer Ecke am Boden liegen. Die hetzenden Gestalten das sind die Gewinner mit den guten Klamotten und den teuren Schuhen, die glücklicherweise nicht wissen, was sie noch alles erleben werden im Laufe ihres Lebens.

Mich befällt ein leichter Ekel und ich wünsche mich zurück aufs eisige, einsame Eiland.

pilz

 

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Nur mal so….

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frage ich mich natürlich täglich viele Fragen: Warum ist es so wie es ist? Warum habe ich die Geduld für Schreiben nicht mehr? Wie verarbeite ich das ganze Sterben um mich herum? Warum schreibe ich nicht über meinen italienischen Onkel, der mir so unendlich viel Freude in meinem Leben geschenkt hat? Warum schreibe ich nicht über den schwäbischen Onkel, der mich so viel gelehrt hat? Warum schreibe ich nicht über Hannah, die gerade um ihr Leben kämpft, während ihre drei kleinen Kinder nicht wissen, ob der Tumor oder die Metastasen die größeren Feinde sind?

Ich weiß es nicht. Ich hänge mich lieber an der Erklärung der kleinen Fragen auf. Während ich mit Palmita am Strand entlang laufe und mich freue, dass keine Menschen weit und breit zu sehen sind, lösen wir die Fragen, die Schilder aufwerfen.

schild

Unserer unbescheidenen Meinung nach….. meint dieses Schild:

  • weil der Strand im Sommer bewacht sein wird….
  • dürfen Hunde nicht an der Leine laufen
  • dürfen Fische nicht an der Angel hängen
  • dürfen auch Drachen nicht an Seilen vom freien Flug abgehalten werden
  • dürfen Surfer nicht nach rechts abbiegen
  • dürfen Kiter nur ohne Drachen nach rechts fliegen

 

 

 

Eine ganze Woche….

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ist das Koboldchen nun schon bei uns und hat sich rasant entwickelt.

Die aufregende Abholung des Tieres, das dann insgesamt einen 35 stündigen Transport hinter sich hatte, verglich eine Freundin mit Schwangerschaft und Geburt. Das finde ich etwas hoch gegriffen, aber die Hormone spielen scheinbar trotzdem verrückt. Beim Öffnen der LKW-Türen schossen mir Tränen in die Augen und seitdem habe ich fast eine geschlagene Woche mit Beobachtung des verschüchterten Koboldchens verbracht. Die Innenraumkamera zeigte uns abendlich, wenn wir im Nebenhaus saßen, ein neugieriges und keckes Tier. Jede Menge Oxytocin muss sich in mir ausgebreitet haben, denn die Abreise aus Inselanien fiel mir wirklich schwer.

Nun schickt der Mann täglich Fotos und Videos, während ich die nächsten 9 Tage wieder quer durch unser schönes Land fahre und mich bemühe, geschäftig, eloquent und umwerfend zu sein. Schnell lese ich Schlagzeilen nach, die mich eigentlich nicht wirklich interessieren. Meine Batterien haben sich im letzten Jahr doch deutlich mehr entladen, als ich das wahr haben wollte. Es war nicht nur der Tod der Möchtegernwindigen, sondern vor allem ihr langsames Gehen, das Sterben, das eigentlich ein halbes Jahr dauerte. Dazwischen zu viel Besuch, viele Arbeitsreisen, und immer wieder den Blick auf das langsame Gehen des Seelentiers.

So sitze ich eine geschlagene Woche vor dem Koboldchen, das nun auch im Beisein des Mannes sich zu einem Kletteräffchen entwickelt, das munter vom Sofa auf den Sessel klettert, vom Sessel auf den Tisch und das entdeckt hat, dass man mit Schwänzchen wedeln kann. So saß ich wie in einer Blase aus stillstehender Zeit und benötige nun all meine verbliebene innere Kraft, um umzuschalten ……

Beobachterin

1…. 2…. 3….

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im Sauseschritt ist La Palmita bei uns angekommen.

Glücklicherweise – so denke ich – habe ich noch einige Tage zu Hause, bevor ich wieder beruflich los düse und Mann und Palma alleine auf Inselanien lasse. Ich möchte die Tage mit dem armen kleinen Hündchen in aller Ruhe beginnen.

Das schwer traumatisierte Hündchen (Messie, Animal Hording, Schwangerschaften, Angsthund) zeigt bereits am ersten Tag was man erwartet hat. Um sie zu entspannen, haben wir das Haus verlassen und sind ins Nebengebäude gegangen. So tun wir das täglich und staunen, was in diesem Wesen steckt, wenn es sich alleine fühlt: Es steigt steile Stiegen, es klaut Parmesan vom Esstisch, es zerrt Turnschuhe auf den Sessel.

Palma trägt ein Sicherheitsgeschirr und ist dreifach gesichert. Sieht voll bescheuert aus, insbesondere bei so einem kleinen Hund. Wir üben….. Leine. Panik pur und ich lerne am ersten Tag, das ein kleiner zotteliger Feudel einen Meter hoch springt, um eine Schraube zu drehen, nur um zu fliehen und in den sicheren Tod zu gehen. Das Tier wird trotzdem dreimal am Tag an der Leine auf dem Popo rutschend in den Garten gezogen. Nasses und Festes geht trotzdem in die Bude….. wie sollte sie es auch anders wissen. Das wird noch Wochen dauern.

An Tag Zwei….. geht sie auf den eigenen Beinen an der Leine mit in den Garten. Sie findet es gruselig und weiterhin beobachten wir von draußen durch das Fenster was in ihr steckt, wenn sie sich alleine wähnt. Abendlich löst sie sich innerhalb von 20 Sekunden ……trotzdem nimmt sie Blickkontakt auf, frisst Leckereien aus der Hand, erkundet erneut den Esstisch und frisst den Rest nächtens, während wir schlafen.

Tag Drei…. hält neue Überraschungen bereit. Während die versteckte Kamera läuft, löst sie sich erstmalig im Garten, schnuppert, erkundet ihre neue Welt. Erstmalig frisst sie in unserem Beisein…., läuft uns im Haus hinterher und flitzt erst nach 2-3 Minuten in ihren Sessel. Dort schnarcht sie und träumt schwänzchenwedelnd. Palma ist angekommen und wir auch.

Schritte, die wir erst in Wochen angedacht hatten….. während der weltweite Wahnsinn weitergeht, geschehen hier in drei Tagen.schuhdieb

Faustdicke Liebe….

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….auf den ersten Blick.

So wie Heide auf David-Bowie-Typen stand, dann aber Thorsten heiratete, so stand ich auf große, glatthaarige, windige und lustige Hunde.

Trauer dauert viele Jahre. Fünf Jahre hat es gebraucht, bis ich den Namen meines ersten früh verstorbenen Hundes aussprechen konnte, ohne in Tränen auszubrechen. Trotzdem zog nach zwei Monaten die Möchtegernwindige ein.

In vielen durchweinten Nächten, schaut man dann gelegentlich auf den einschlägigen Tierschutzseiten die armen Fellnasen an und findet alle rettens- und liebenswert. Sardische Hunde, Galgos, Podencos und schließlich Viszlas…. alles fein…. bis auf den Moment, in dem ich zwei wirklich traurige Augen anschaue.

Liebe auf den ersten Blick. Klein, zottelig, traumatisiert, ängstlich und deprimiert. Nicht mein Beuteschema….aber wo die Liebe halt hin fällt. Es folgen viele Anstrengungen, Tierschützer, Vorkontrollen, Fluginformationen und dann doch Autotransport.

Kurz vor der Abholung ein Seelenschaumbad (so würde die Freundin D. aus Ö. sagen), bei einer Freundin, die uns von vorne bis hinten verwöhnt und unsere Vorfreude und Aufregung teilt. Schließlich rasen wir mit dem 26 Stunden gereisten Messie-Opfer weitere fünf Stunden gen Inselanien. Das gerettete Mütterchen schaut, frisst, schläft…. wir sind selig und erleben am Folgetag sehr lustige Überraschungen…..

Endlich, gibt’s neue Hundefotos und die Möchtegernwindige hat alles abgenickt und mit ihrem Segen begleitet….. (Sie können jetzt von mir denken was Sie wollen, tun Sie eh…)

ankunft1

Liebe auf den ersten Blick….

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…..so muss das gewesen sein, als meine kürzlich verstorbene Freundin Heide vor zwanzig Jahren ihren Thorsten kennen lernte.

Heide war meine Freundin zu Studienzeiten und auch noch darüber hinaus. Sie war klein, gertenschlank und immer nur unglücklich verliebt in zarte Psychologiestudenten oder aber in androgyne Betriebswirtschaftler und Juristen, die Dawid Bowie hätten den Bruderkuss geben können. Am Ende war sie immer unglücklich und so kam die multiple Sklerose in ihr Leben. Wir alle – Mitte Zwanzig – waren geschockt. Als sie sich nach dem ersten üblen Schub erholt hatte, begann sie eine Ausbildung zur Familientherapeutin und lernte Thorsten kennen. Thorsten war nicht zart sondern laut, nicht androgyn sondern kräftig, nicht reflektiert sondern schlau und selbstverliebt. Ich mochte ihn nicht. Als erste Amtshandlung hat er unsere Freundschaft mit Erfolg hintertrieben. Er behauptete, dass ich während unseres Pizzeriabesuches mit ihm geflirtet hätte. Heide fand das auch und war mir böse. Ich habe Monate gebraucht, um herauszufinden, warum sie sich so zurückzog. Meine Geschichte ist eine andere. Ich war gerade aus Andalusien zurück, glühend, erzählend, und freundlich mit Thorsten, einfach weil er Heide, meine liebe Freundin glücklich machte.

Ich habe dann ehrliche Worte gefunden und Heide erklärt, warum ich so nett zu ihm war. Man könnte ihn mir noch in hundert Jahren, wenn Männer mal ausgestorben sind, um den Bauch binden, er war nie mein Fall….. wie also hätte ich mit ihm flirten können.

Heide akzeptierte meine Erklärung und also wurde alles wieder kurzfristig gut, bis zu ihrem nächsten, übernächsten und überübernächsten Schub. Thorsten wurde ihr liebevoller Pfleger, Heide konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr alleine trinken, kaum noch atmen. Jeder Blick, jedes Seufzen musste von Thorsten übersetzt werden. Das ging für mich irgendwann nicht mehr, weil ich mit seiner Besserwisserei nicht mehr klar kam.

Nun, zehn Jahre später, habe ich mit Thorsten telefoniert. Er hat sich dann scheiden lassen vor einigen Jahren, weil auch die Familie alles besser wusste und Heide zerrieben wurde, zwischen all den alleswissenden Ärzten, der Familie und dem Gatten. Jämmerlich ist sie im Hospiz erstickt. Von ihren 53 Jahren, waren 28 Jahre nur ein großes Leiden und Verschwinden. Das ist ungerecht, wie so vieles im Leben. Nichts ist gerecht und mich nerven die Leute, denen es eigentlich gut geht, die aber immerzu klagen darüber, dass das Leben ihnen gegenüber noch was schuldig sei.

Eigentlich wollte ich das alles gar nicht aufschreiben.

Eigentlich wollte ich einen lustigen Text schreiben über Beuteschema und Realität. Eigentlich wollte ich über große, glatthaarige und lustige Windhunde schreiben. Und darüber, wie mich kleine Äuglein, aus ängstlichen, kleinen, zotteligen Leibern anschauen, und ich mich dann in jemand anderes verliebe, als ich mich sonst je vierliebt hätte. Und so bin ich dann bei meiner verstorbenen Freundin Heide gelandet. Die mit dem un-androgynen Thorsten lange glücklich war und dennoch so früh verstarb.

Von dem anderen Thema, dann also ein andermal….

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Vorwärts…..(Rostparade 18)

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Da vorne, gleich hinter der Kurve liegt es, das neue Jahr.

Jahresrückblicke haben mir noch nie gelegen. Ein jedes Jahr war immer schon angefüllt mit Lachen, Glück und Trauer. Vermutlich wird auch das kommende Jahr mit allerlei Überraschungen angefüllt werden. Noch liegt es verborgen da links vor uns, um die Kurve. Auf gehts: vorwärts und viel Glück Euch allen da draußen!

rostweg

 

Am letzten Tag des Monats  folge ich mit Freude Frau Tonaris Rostparade. Bei Ihr sind alle relevanten Rostungen verlinkt🙂

Die Talsohle…..

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scheint mit dem kürzesten Tag des Jahres erreicht.

Alles, was ich im letzten Jahr nicht tun konnte, tue ich. Ich reise nicht nur beruflich, sondern auch privat. Ich besuche Freundinnen, die mich mütterlich und fröhlich umsorgen, bekochen und mit mir um das verlorene Möchtegernwindhundfräulein weinen. Viel Lachen und kein Tag ohne verzweifelte Tränen.

Ich wohne nicht nur nah am Wasser, ich habe auch nah an selbigem gebaut. Neben den verzweifelten Tränen gibt es auch Rührungstränen. Kunden schicken italienische Fresskörbe, mein alter frankfurter Freund aus Teutonien schickt mir Amethyste aus Brasilien und und Uruguay. Neue insulanische Freunde laden uns ein und wir singen nächtens beim HSV, der sich brav von der frankfurter Eintracht verkloppen lässt :-), die Perlenhymne.

Gleich werden wir Inselanien verlassen und zu den Eltern nach Frankfurt fahren. Im Maindörfli werden wir den frisch operierten, weltbesten Vater aus dem Krankenhaus entführen und auf ein gesundes und geschmeidiges neues Jahr hoffen.

Die Tage werden wieder länger, das Herz bald leichter……

feuer

Unerkannt wollte ich bleiben,…

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…. als ich mich für die dörfliche Großparty zu Halloween als Steampunk verkleidete. Das gleiche Ziel hatten sich offenbar so einige aus dem Dörfli gesetzt und so erkannten wir einander nur an den Stimmen, während wir mit hochprozentigen Getränken durch aufgeschüttete Gräber wanderten, in Bäumen hängende Skelette streiften undin der Hand einen Hirnpudding hielten.

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Am Feuer fragte mich die Jungbäuerin nach unserem Hund…. Ich kann meine innere Ritterrüstung auf Knopfdruck aktivieren und vernünftig über das hohe erreichte Alter meines Herzenswesens parlieren. Nachts weine ich leise in die Kissen.

Die Jungbäuerin hat zwei kleine Kinder und eine gehörlose Hündin, die etwas zu kurz kommt. Diese gehörlose Hündin „hört“ hervorragend. Sie reagiert auf kleinste Handzeichen und zu meiner größten Verwunderung jagt sie nicht. Das kenne ich seit fast 14 Jahren überhaupt nicht, dass man mit einem großen Hund völlig entspannt an einer Gruppe Rehe vorbeilaufen kann. Ah….. Sie merken schon, die taube Hündin hat jetzt eine Spatziertante. Mich.

Vollen Spaß, man führt mich endlich wieder stundenlang aus und ich kann durchatmen, wenn ich auf Inselanien bin. Allerdings ist es ein arbeitsreicher Herbst, der mich gerade von ganz oben nach ganz unten führt. Anstrengend, aber auch schön.

Schreiben wollen….

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ist nicht Schreiben können. Nun, wo ich das Möchtegernwindhundfräulein töten ließ, weil das Unterlassen des Tötens auch eine Tierquälerei bedeutet hätte, versagen mir die Worte.

Dreizehneinhalb Jahre gemeinsames Leben. Sie hat so vieles mitgemacht und mit mir erlebt, durchlitten, gefreut, gefeiert und gereist. Nur wenn ich arbeitend unterwegs war, ist sie brav erst in die frankfurter „Pension Hundeglück“ eingezogen, wo die winderfahrene Gastgeberin alle in ihr Herz schloss und das Möchtegernwindhundfräulein besonders. Dann in den teutonischen Waldorfhundekindergarten, wo sie Freundschaft mit einer Wölfin schloss und die erfahrene Trainerin um die Pfote wickelte. Umzüge, Hochzeiten, Reisen, gemeinsames älter werden. Und dann hat sie mich plötzlich überholt. Das ewige wilde Hundekind wurde zur älteren Dame, zur Seniorin und dann zum Pflegefall.

kerzefürmeinherz

Ein Jahr ihres Lebens hätte ich geopfert, wenn sie hätte alleine gehen können. Dass der bevorstehende Abschied schon so lange unser Begleiter war, hat es nicht leichter gemacht. Ich dachte eigentlich, dass wenn ich die wunderbare Tierdoc anrufe, um die Spritze ins Herz zu erbitten, dass dann mein Herz mit stehen bliebe.

Es schlägt noch. Meistens rast es, oder holpert. Tapfer reise ich arbeitend durch die Republik und weine abendlich in Hotelkissen. Ich gebe mich tapfer und abgebrüht, lustig, charmant und stimme schulterzuckend irgendwelchen Kalenderblättern irgendwelcher Leute zu. Mein Puls tobt, so wie alles in mir tobt, während ich äußerlich ruhig und vernünftig erscheine. Mimikri.

Und ich lerne.

Ich lerne Freundinnen neu kennen. Ich besuche eine mir verbundene fremde Frau, die mir liebevoll ihren Hund in die Hand drückt, mit mir weint und mich sehr berührt. Ich erfahre Nichtssagendes von vermeintlich guten alten Freunden. Billigen Trost, sicher aus eigener Hilflosigkeit, die doch unser Nichtmehrverbundensein laut und deutlich wie eine Kreissäge klingen lässt. Ich lerne die lustige ausgewanderte Freundin ganz neu kennen, als sie mich und das bereits sterbende Hundchen besucht und mir nun bayrische Survival-Päckchen mit Asiafood und Lebkuchenherzen schickt. Ich blicke in de Tränen von engen Freundinnen und ich bekomme Anfragen von entfernten Freunden, ob ich nicht jetzt rumänische oder portugiesische arme Pelznasen adoptieren könnte.

Abends zünde ich die Kerze an und starre auf die kleine Asche-Box, schnuppere am abgelegten Halsband und lasse die hündische Halskette durch meine Hände läufen.

Und dann kommt Post aus Vienna. Ein kleiner Giovanni sucht dringend ein neues zu Hause. Eigentlich handelt es sich um einen Flüchtling aus Ostwestfalen, der viel zu lange am Herrmann ausgehalten hat, nur um zu schauen, ob der olle Herrmann auch nochmal den Arm mit dem Schwert wechselt. Die wienerische Angestellte persischer Prinzen wollte meinem Schmerz etwas entgegensetzen, hat die deutsche Windhundhilfe um Unterstützung gebeten und so Giovannis Flucht organisiert. Eigentlich heißt er Jupp Schulte-Brömmelkamp. Das mag für OWL in Ordnung sein, aber für einen geflohenen Galgo ist das ein bisschen grenzwertig und weil er so reisefreudig ist wie ich, wird er vermutlich auf José hören.

Wenigstens gibt’s jetzt neue Fotos vom Hund.

jupp