Da Sprache Wirklichkeit (mit-)erschafft,

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…. habe ich beschlossen, einige Worte auf die Goldwaage zu legen und Ihnen (die hier noch lesen) abschließend ein Geheimnis für Glück zu verraten.

Ich fühle mich nicht im „Krieg“ gegen ein Virus, sondern ich betrachte mit größter Beunruhigung, wohin uns diese Sprache führt. Nämlich in den Irrsinn, die Angst und die Unfreiheit. Mit aller Kraft scheint eine wesentliche Mehrheit an den Gitterstäben von innen fest zu halten, die sie sich selbst durch Panik und geschürt durch Zahlenspiele, gesetzt hat. Ich kann auch das Wörtchen „systemrelevant“ nicht mehr hören, denn ich halte es für einen versteckt faschistoiden Begriff, der neue Unterscheidungen zu treffen versucht. So soll ich dankbar dafür sein, dass Menschen ihren Job noch machen, die immerhin froh sein können, noch einen Job zu haben.

Ich kann auch den Schlagzeilen nicht glauben die mir weiß machen wollen, dass die „neuen Arbeitslosen durch Corona“ entstanden sind. Sie sind nicht durch Corona arbeitslos geworden, sondern durch Entscheidungen von Menschen. Im übrigen wurde uns der weltweite  Kollaps des Wirtschaftssystems schon 2019 durch die Wirtschaftsweisen vorher gesagt.

Sind all die Künstler, Arbeitslosen, Bahnschaffner oder Fitnesstrainer nicht relevant für das System? Sollten nicht Tanzlehrer unsere Helden sein, statt Lokalpolitiker? Hier auf Inselanien finden sie nämlich, dass das Homeoffice eigentlich gut funktioniert, ebenso wie Videokonferenzen und daher bleiben die Ämter geschlossen und man kann ja telefonisch um einen Termin bitten, wenn man es gar nicht umgehen mag oder kann, sie persönlich zu sprechen? Schön, dass sie sich den Hintern fröhlich zu Hause platt sitzen für ihr Gehalt, das wir mit unseren Steuern bezahlen. Sie bedanken sich dann gern bei den KassiererInnen im Supermarkt dafür, dass sie ihr „Leben riskieren“, während der Amtsschimmel brav zu Hause im Stall wiehert.

Unter „Kooperation“ verstehe ich auch nicht den bedingungslosen Gehorsam, den die Politik derzeit einfordert, sondern ich verstehe darunter die Einsicht, dass man freiwillig dem Anderen entgegen geht. Allerdings scheinen wir uns heute mehr gegeneinander zu bewegen, als aufeinander zu. Was ist aus dem guten alten Diskurs geworden, wohin die Diskussionskultur? Man ist entweder „Verschwörungstheoretiker“ oder aber Teilnehmer der Wahrheit. Man sondert in den sozialen Medien oder Kommentarfunktionen der Leitmedien eine Meinung ab, und kann sich dann schon ausrechnen, welches „Lager“ aufschreit und mit wüsten Beleidigungen reagiert. Kein aufeinander zu bewegen, sondern Entgegnungen feindseliger Art. Keine ergebnisoffene Diskussion, sondern ein Hauen und Stechen mit Argumenten, um den Anderen nieder zu ringen und sich selbst oben zu fühlen. Mich widert das an.

Ach ja…. „Diskussionsorgien“ auch ein hübsches Wort unserer Kanzlerin und ich frage mich, wann eigentlich der demokratische Gedanke abhanden kam. Es muss vor vielen Jahren gewesen sein und wir haben es irgendwie nicht bemerkt. Oder doch bemerkt, aber nicht wahr haben wollen. Dies führt mich zu der genialsten Wortschöpfung, die unser Gesundheitsminister erfand. Den „symptomfreien Virenträger“. Ich frage mich, was so schlimm am Virus ist, wenn so viele symptomfreie Virenträger frech damit herum laufen.

Mir wird übel, wenn ich über all das nachdenke und fast möchte ich „erwachet“ rufen, wenn auch dieses Wort nicht längst an eine merkwürdige Sekte gebunden wäre. Adieu Freiheit im gesellschaftlichen Diskurs, welcome persönliche Freiheit des Rückzugs. Womit ich bei meinem Glücksrezept bin. Nein, natürlich nicht das einzige Glücksrezept, das ich habe, aber eines der wirkungsvollsten. Natürlich ist es mein größtes Glück, mit Palma am menschenleeren Strand zu laufen, die Natur zu bewundern und die Stille zu genießen. Aber oft mache ich mir Sorgen, oder ärgerte mich vor drei Monaten noch über allerlei lästige berufliche und andere Fragen. Ich neige zum Grübeln und vermisse meinen verstorbenen Vater sehr.

Ganz zufällig habe ich entdeckt, dass ich in Momenten der Traurigkeit und Wut, der Grübeleien und des ungeduscht und schlunzig aus dem Haus Gehens, dennoch einen kleinen, günstigen und total einfach gestrickten Happymacher im Haus habe.

Meinen Lippenstift. Ja, Sie mögen jetzt leicht hysterisch auflachen und an meinem Verstand zweifeln. Tatsächlich ist mir das nicht so wahnsinnig wichtig. Denn Fakt ist, dass wenn nichts mehr hilft, der Lippenstift doch hilft. Lachend spaziere ich ungeduscht und schlunzig durch die Heidelandschaft am Meer, sobald die Lippen rot sind.

Gitter

 

Pandemie-Eier

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In den ersten Jahren unseres Landlebens habe ich nicht begriffen, warum die Bauern keine Eier an uns verkaufen wollten. Jede Frage nach Eiern wurde sofort mit einer Handbewegung weggewischt, die den Satz „wir haben nicht genug Eier, um sie zu verkaufen“ unterstreichen sollte. Also habe ich brav im Supermarkt meines Vertrauens die Bio-Eier gekauft und nicht weiter gefragt. Nun hängt vor jedem Hof ein Schild „Eier zu verkaufen“ und endlich geht mir ein Licht auf. Spät, aber besser halt spät als nie. Die Eier auf den Höfen sind natürlich immer für die Urlauber reserviert, die sich besonders freuen, wenn noch ein Federchen oder auch ein bisschen Hühnerdreck am Ei hängt. Wenn sie denn bald wieder auf die Inseln dürfen so bin ich gespannt, ob die Urlauber entspannt die Natur genießen werden, oder ob sie die Desinfektionsmittel aus den Regalen räumen, damit nicht nur Viren sondern auch alle möglichen Bakterien von Kinderhänden entfernt werden.

Ich gehöre noch zu einer Generation deren Eltern fanden, dass Dreck den Magen fegt und wir lutschten hingebungsvoll an aufgeweichtem Schlamm im Großstadtpark, machten uns einen Sport draus, die Hände vor dem Essen nicht zu waschen und wetteiferten mit aufgeschlagenen Knien. Die Sxgrotxn-Werbung der letzten Jahre hat mich immer ganz unruhig gemacht, denn ich vermute, dass die Angst vor Bakterien und Viren die nachfolgenden Generationen neurotisiert. Aber jede Bewegung hat ja zumeist eine Gegenbewegung, daher bleibe ich Optimist.

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stürmisch….

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… war das letzte, fast schreibfreie Jahr. Nur im Kopf habe ich Ideen gewälzt über mögliche Geschichten, mögliche Fachbücher, mögliche Blogeinträge. Und während ich so vor mich hin phantasierte stürmte ich rein in den Zug, raus aus dem Zug, rein ins Taxi, raus aus dem Taxi, rein ins Hotel undsoweiterundsoweiter. Die wenigen Momente der Ruhe bin ich sprachlos mit der kleinen Palma am Meer gelaufen und habe über den Sinn und Unsinn der mir so begegnete nachgedacht.

Das neue Jahr fing früh mit Arbeit an und das erste Mal in 29 Jahren Berufstätigkeit dachte ich nächtens in einem Hotel, während ich mit Fieber und schlimmen Husten um Luft rang, darüber nach, einen Geschäftstermin abzubrechen. Fünf Tage lag ich japsend im Bett und nun frage ich mich, ob ich nicht evtl. schon immun gegen das C-Dings bin.

Als Deutschland sich langsam herunterfuhr, verlor ich zunächst alle beruflichen Termine bis Juni. Das hat mich noch nicht so sehr beunruhigt wie die Veränderung, die mit Menschen und Medien geschah. Diese Einigkeit der Presse mit Politik und Wissenschaft in der gesamten Welt hat mich mehr irritiert, als das C-Dings. Mir wurde klar, dass ich viel mehr dazu erzogen wurde, politisch und skeptisch zu denken, als vorschnell zu glauben. Als man auch die Insel schloss, wurde ich wirklich unruhig und konnte nicht fassen, wie einfach und schnell man unsere Freiheit und unsere Bürgerrechte zur Seite legen konnte. Mit Schließung der Insel kam es hier wie auch andernorts zu hässlichen Denunziationen und Bedrohungen vermeintlich Fremder. Das nun schon ein „ortsfremdes“ Nummernschild ausreichte, um beschimpft und angezeigt zu werden, hat mich an die hässlichste Seite Deutschlands erinnert. Vermutlich ist es überall so auf der Welt und das trägt nicht zu meiner Beruhigung bei. Wäre diese Dummheit nicht so gemein, ich müsste drüber lachen.

Als ich einem Kollegen mitteilte wie sehr mich das beunruhigt und mich darüber ausließ, dass einige Volkswirte schon im Winter 2019 vor einem weltweiten Wirtschaftskollaps warnten, versah dieser Kollege mich mit einer ICD-Ziffer. Sein gutes Recht natürlich, aber die Härte der Diskussionen und die Schnelligkeit, mit der man kritische Stimmen als „Verschwörungstheoretiker“ definierte, die hat mich schon sehr verärgert und wie alle „Paranoiker“ natürlich bestärkt 😊

Nun genieße ich die ruhigen Tage auf Inselanien, das so leer ist wie sonst nie. Die Strände gehören uns alleine, ebenso die Deiche und Straßen. Dies scheinen auch die Hasen und Fasane zu bemerken, die sich zunehmend gerne dort niederlassen. Alles ist in Veränderung und wie so oft in Krisen, klären sich Verbindungen neu. Ich bin erstaunt, wie körperlich kaputt ich noch vom letzten Jahr war und wie viele Tage ich einfach nur auf dem Sofa gelegen bin, kaum fähig etwas sinnvolles wie Haushalt, Buchhaltung oder Ähnliches, zu erledigen.

Ganz langsam merke ich, wie ich berufsbedingte Deformationen ablege, wieder mehr zu mir selbst finde. Ich bin dankbar – für den Moment.

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Prachtvoll….

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zeigt sich Inselaniens Natur, wie sie da so farbig vor sich hin wächst, blüht und ausbricht. Ich kann mich nicht satt sehen und laufe stundenlang über Deiche, durch Knicks und in Heidelandschaften herum (die allerdings natürlich noch nicht blühen).  Die kleine Palma an meiner Seite hat sich zu einem lustigen kleinen Ding entwickelt, die auch einer kleinen Rennerei, hinter Kaninchen und Fasanen her, nicht abgeneigt ist. Ein Drosselpaar hat bereits drei Küken großgezogen in unserem Hausdurchgang und bei Nachbars gibt es Zwerghühnchennachwuchs. Den werde ich mir genauer anschauen und dann dem Mann ein hinreißendes Lächeln schenken, damit er sein Herz und unseren Garten öffnet, für den Einzug einer kleinen Hühnchenherde. Eigentlich sollte Palma ja eine kleine Katze bekommen, denn sie liebt Katzen (vermutlich haben sie die Kleine groß gezogen, denn Palma kann auch Miauen). Im letzten Moment ziehe ich aber doch immer wieder zurück und bin mir nicht sicher, ob so ein Katzentier hier dann nicht zu sehr das Regiment übernimmt.

Neben all den Explosionen aus Farbe, Duft und Leidenschaft, sind es aber vor allem die Nächte, die es mir gerade angetan haben. Sie sind hier oben recht kurz in dieser Zeit und ich mag das sehr. Bis kurz vor Mitternacht ist es noch zwielichtig hell und morgens um halb vier kommt das Licht schon wieder zurück.

30mai

Frühjahrsputz

Samstags laufen wir (Frauen) ums Dorf und sammeln Müll. Das ist jährliche Tradition in Schleswig-Holstein und es ist wirklich erstaunlich, was sich in den Gräben, auf den Wegen und Wiesen so alles findet. Zumeist sind es weggeworfene Kotbeutel, Dosen, Plastikflaschen, Socken, Schlappen und es findet sich auch mal ein Eisenrohr oder ein Straßenpoller.  Die Strandkorbbesitzer wienern in den Hallen die Strandkörbe und Bagger schaufeln Tang von den Stränden. Die Insel putzt sich heraus, denn es gibt Frühjahrsferien und alles lechzt nach Licht und milden Lüften.

Fasane stolzieren wieder durchs Dorf und auf den Bäumen sitzen die Krähen, die nicht sicher sind, ob es nochmal Frost gibt.

Eine Woche habe ich durchgeatmet, bin stundenlang mit Palma über die Deiche gelaufen, habe mich über so manchen insulanischen Querkopf aufregen wollen, es dann aber doch gelassen. Ich bin in einem Alter, wo sowas Spuren im Gesicht hinterlässt. Überhaupt wird mir mit zunehmendem Alter immer deutlicher, wie wenig ich darauf vorbereitet bin.

Jetzt packe ich die Koffer für 14 Tage, reise durch die Republik und vermisse Inselanien, den Mann und Palma jetzt schon.

Brink abends

 

Fast so…

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….als sei alles normal, geht das Leben weiter. Natürlich ist wirklich gar nichts normal. Die Mutter weint abendlich stundenlang während sie sich mit dem silbergerahmten Bild meines Vaters unterhält oder mir mitteilt, wie sehr er sich gefreut hätte, wenn er mich wieder im Maindörfli wüsste.

Ich denke, er weiß es, dass ich zweimal im Monat im Maindörfli aufschlage, meine Koffer umpacke und weiterziehe. Abends stehe ich auf der frankfurter Terrasse am Fluss und schaue hoch zum Himmel, wo ich ihn zum letzten Mal mit dem Silberfädchen im Universum sah. Mich wundert das alles und mein Herz ist angeschlagen. Ich habe das komplett unterschätzt in meiner verkopften Art, wie existenziell ich seinen Verlust empfinde.

Fast so …. erschien es mir in den letzten anderthalb Jahren, als hätte mich das Universum von Arbeit verschont. Die lief beängstigend niedrigtourig so nebenher und erlaubte mir, die Abschiede von Möchtegernwindigen, Onkeln und Vater zu durchleben. Die Wunden sind geblieben und dennoch beschenkt mich das Leben mit dem weltbesten Mann, mit der geretteten Palma, die dem animalhording entkam und vertrauensvoll an unserer Seite läuft. Alte Kunden tauchen wieder auf, der Kalender ist für über ein Jahr übervoll und vor allem: verloren geglaubte Freundinnen tauchen wieder auf und erfüllen mich mit tiefem Vertrauen und Glück.

Fast so…. lebe ich wieder, wie ich es immer getan habe: aus dem Koffer, zu viel im Hotel, viele Menschen und ich immer lustig, klug und charmant. Aber nichts ist so wie immer…. auch wenn ich mich manchmal freue.

hotelchic

Grün

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Im Dezember hat mir meine Freundin Carla grün geschenkt. Überhaupt hatte sie eine herrliche Idee. Da uns 1000 km trennen und sie mit mir ihren Geburtstag feiern wollte, hat sie beschlossen, mich zu beschenken. Also landeten in einem großen Paket: Restaurantführer, Stadtteilkrimi, Ferienwohnungsfotos und ein Flugticket an. Wir flogen in das warme, grüne und sonnige Barcelona, wo Barcelonesen gleichzeitig im Wintermantel (weil Dezember war) und im Bikini (weil es 26 Grad hatte) am Meer flanierten, wo grüne Papageienvögel die Altstadt in Klang verwandelten, wo wir den gesamten Krimi abliefen und uns ausschließlich von Tapas ernährten (auch wenn die in Andalusien natürlich tausendmal besser sind). Da ich die Stadt schon kannte, mussten wir keinerlei Touristenhotspots ansteuern, sondern konnten uns treiben lassen in Sonne, Erinnerungen (sie hat dort zwei Jahre gelebt) und „Mädchengesprächen“. Wir alberten den ganzen Tag herum und streckten die Gesichter ins warme gelb. Dass wir in der Altstadt von Barca nicht einen einzigen Hundehaufen fanden, erschien mir eigenartig. Andererseits war den ganzen Tag die Stadtreinigung unterwegs zum Straßen abspritzen, alle barcelonesischen Stadthunde trugen rote Tüten mit sich herum und als eine Boxerhünding dringend Pipi musste, hatte Frauchen sofort eine 1L Wasserflasche parat, um die Straße zu spülen. Die Frage, weshalb ausgerechnet wir Deutschen uns als sauber, pünktlich und ordentlich sehen, haben wir nicht klären können. Die Gruppe abendlicher Hare Krishnas, die singend durch unsere Straße ging und auch die kurz darauf erscheinenden Trommler mit den Tänzerinnen, haben uns wissen lassen, dass nicht alle Fragen Antworten benötigen.

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Hunger

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Sprachlos bin ich geworden, verletzt und leer. Während ich den Tod der Möchtegernwindigen dann doch irgendwie überlebt habe und mit Palmas Hilfe wieder Fröhlichkeit und Zuneigung Einzug hielten, war ich dem Sterben des Vaters hilflos ausgeliefert. Oft habe ich ihn zu Hause und in den Kliniken während Mai und Ende September besucht. Mit seinen 44 Kilo hat er so einiges – wie etwa den Beckenbruch – noch recht gut weg gesteckt. Alles schien möglich mit Hilfe von Pflegehilfsmitteln und der quirligen, hilfreichen Mutter. Immer wenn ich ihn sah, befiel mich ein unglaublicher Hunger und ich aß viele Monate für ihn mit. Auch als es nach Hüftbruch, OP, Durchgangssyndrom, Bauchfellentzündung und Nierenversagen seinem Ebenenwechsel entgegen ging, aß ich morgens, mittags, abends, nachts.

Der Vater war fort und der Hunger blieb mir, ebenso wie die Verlassenheit, die Tristesse, die Leere. Also füllte ich den Bauch.

Als ich vor fünf Tagen aufwachte war mein erster Gedanke „der Hunger ist weg“. Die Verlassenheit und die Tristesse sind geblieben, aber der Hunger ist weg. Und also muss auch die Sprache wieder kommen. Nicht so einfach wie ich dachte, aber auch wenn mir der Boden unter den Füßen plötzlich im Nebel versank, so werde ich doch die Buchstaben wieder aneinander reihen.

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Das Melonenorakel….

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hat sich geirrt, denn am Ende wurde nicht alles gut, denn es war das Ende.

Fassungslos bin ich täglich auf die Station gerannt, habe Alarm gegeben und Ärzte wie Pfleger haben mit den Augen gerollt, wenn Frau Rambo wieder ankam. Ich habe mich von einem Pfleger anschreien und als lästige Verwandte beschimpfen lassen, während eine alte Patienten „schrecklich“ murmelnd über den Gang lief. Daraufhin schrie der Pfleger weiter, wie schrecklich die Patienten seien, neben den Angehörigen. Mir war das letztlich wurscht, denn es ging nicht um den Pfleger, nicht um das Gesundheitssystem, sondern um ihn – meinen Vater.

Im Hospiz kein Bett frei, im Krankenhaus keine Palliativstation und in den anderen Krankenhäusern nur volle Palliativstationen. Nach viel Alarm gab es ein First-Class-Einzelzimmer für den Sterbenden zweiter Klasse, so dass wir uns Tag und Nacht bei ihm abwechseln konnten. Einige Stunden am Tag ließen wir ihn alleine, damit er sich entscheiden kann, ob er in unserer Abwesenheit gehen mag oder lieber alleine. Ein Albtraum von fünf Wochen, in denen wir immer hofften, zu erwachen. Die Hölle ist nicht jenseits sondern diesseits. Sein Tod ist ein Trauma für uns. Sein Sterben ebenso, denn er wollte alles tun, alles ertragen, um bleiben zu können. Die Bedingungen seines Sterbens ein weiteres Trauma, das ich mehr erleide als die Mutter, da sie vieles nicht so genau mit bekam. Am Ende wurde alles gut, denn es war sein Ende und er konnte die Hölle verlassen in ein anderes Jenseits. Ich saß abends am Mainufer während die Mutter neben ihm im Krankenhaus schlief. Sein Leiden war so unermesslich groß, dass ich ihn plötzlich vor mir sah. Eine liegende Shilouette im vollmondgefluteten Nachthimmel, mit einer kleinen dünnen und silberfarbenen Nabelschnur, die sich im Universum verlor. Nachts um eins glitzerte der Main und ich bat den Vater, die Nabelschnur zu durchtrennen und los zulassen. Nur wenige Minuten später rief die Mutter aus dem Krankenhaus an, weil sie wach geworden war von der plötzlichen Stille im Zimmer. Er hatte los gelassen….. und das ist gut und so schlimm.

Bescheidenheit….

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sehe ich als Zeichen von Größe.

Ich mag sie nicht, die lauten Schaumschläger, egal ob intelligent oder blöd, obwohl mein Job das eigentlich auch erfordert. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht sagen.

Ich mag, leise, freundliche Menschen, die ggfs. interessiert zur Kenntnis nehmen, dass Ansichten und Standpunkte sich unterscheiden, die fragen statt zu antworten, die bei all ihrem Status, Reichtum, Erfolg und what ever, immer noch wissen, dass wir kleinste Teilchen in einem Großen sind und die wissen, dass man sich nichts einbilden braucht.

Ich mag Demut, die vielleicht noch eine Steigerung von Bescheidenheit ist. Eigenartigerweise kommt das als Haltung nur in Religionen vor, nicht aber in Wissenschaft oder Ökonomie.

Und dann gibt es Trauer, die sich als Demut verkleidet, aber ganz anders daherschlappt. Sie umfängt dich mit dem Mantel des bescheidenen, demütigen Erkennens und wenn du glaubst, erkannt zu haben, wickelt sie dich in einen kühlen Kokon der Starre.

Seit die Möchtegernwindige unfreiwillig ging, ist zu viel Tod um mich herum. Zwei Onkel starben: der tanzende Kartograph und mein italienischer Herzensonkel. Derzeit kämpft der Vater, wie er es seit fast vierzig Jahren tut und die Kräfte gehen ihm aus. Die Kliniken sind von schneidigen Politikern und Beratern gut taylorisiert. Jeder tut, wofür er zuständig ist, Dienst nach Vorschrift und das, in größter Freundlichkeit.

„Ja, Sie haben Recht, so machen wir das“….. heißt es täglich. Sie haben dazu gelernt und verneinen nicht mehr, streiten nicht, schüchtern nicht ein. Man hat ihnen beigebracht, „kundenorientiert“ zu handeln und das heißt nun mal, nichts zu verneinen. Also lächeln sie gut geschult und bejahen, um hinterher dann noch nichts von dem Verabredeten zu tun.

Er ist alt und seit vierzig Jahren krank. „Sie wollen ihm doch nicht….“…. doch! Denn er will Leben. In der öffentlichen Diskussion hält man uns mit ethischen Fragen über zulässige Sterbehilfe bei Laune. Ich frage mich seit Monaten, ob nicht unser Gesundheitssystem eine einzige Sterbehilfe ist. Noch dazu eine, um die man nicht nachgesucht hat.

Soviel zu meiner Laune. Aber das Melonen-Orakel aus unserem Garten sagt: Es wird alles gut.

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