Grün

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Im Dezember hat mir meine Freundin Carla grün geschenkt. Überhaupt hatte sie eine herrliche Idee. Da uns 1000 km trennen und sie mit mir ihren Geburtstag feiern wollte, hat sie beschlossen, mich zu beschenken. Also landeten in einem großen Paket: Restaurantführer, Stadtteilkrimi, Ferienwohnungsfotos und ein Flugticket an. Wir flogen in das warme, grüne und sonnige Barcelona, wo Barcelonesen gleichzeitig im Wintermantel (weil Dezember war) und im Bikini (weil es 26 Grad hatte) am Meer flanierten, wo grüne Papageienvögel die Altstadt in Klang verwandelten, wo wir den gesamten Krimi abliefen und uns ausschließlich von Tapas ernährten (auch wenn die in Andalusien natürlich tausendmal besser sind). Da ich die Stadt schon kannte, mussten wir keinerlei Touristenhotspots ansteuern, sondern konnten uns treiben lassen in Sonne, Erinnerungen (sie hat dort zwei Jahre gelebt) und „Mädchengesprächen“. Wir alberten den ganzen Tag herum und streckten die Gesichter ins warme gelb. Dass wir in der Altstadt von Barca nicht einen einzigen Hundehaufen fanden, erschien mir eigenartig. Andererseits war den ganzen Tag die Stadtreinigung unterwegs zum Straßen abspritzen, alle barcelonesischen Stadthunde trugen rote Tüten mit sich herum und als eine Boxerhünding dringend Pipi musste, hatte Frauchen sofort eine 1L Wasserflasche parat, um die Straße zu spülen. Die Frage, weshalb ausgerechnet wir Deutschen uns als sauber, pünktlich und ordentlich sehen, haben wir nicht klären können. Die Gruppe abendlicher Hare Krishnas, die singend durch unsere Straße ging und auch die kurz darauf erscheinenden Trommler mit den Tänzerinnen, haben uns wissen lassen, dass nicht alle Fragen Antworten benötigen.

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Hunger

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Sprachlos bin ich geworden, verletzt und leer. Während ich den Tod der Möchtegernwindigen dann doch irgendwie überlebt habe und mit Palmas Hilfe wieder Fröhlichkeit und Zuneigung Einzug hielten, war ich dem Sterben des Vaters hilflos ausgeliefert. Oft habe ich ihn zu Hause und in den Kliniken während Mai und Ende September besucht. Mit seinen 44 Kilo hat er so einiges – wie etwa den Beckenbruch – noch recht gut weg gesteckt. Alles schien möglich mit Hilfe von Pflegehilfsmitteln und der quirligen, hilfreichen Mutter. Immer wenn ich ihn sah, befiel mich ein unglaublicher Hunger und ich aß viele Monate für ihn mit. Auch als es nach Hüftbruch, OP, Durchgangssyndrom, Bauchfellentzündung und Nierenversagen seinem Ebenenwechsel entgegen ging, aß ich morgens, mittags, abends, nachts.

Der Vater war fort und der Hunger blieb mir, ebenso wie die Verlassenheit, die Tristesse, die Leere. Also füllte ich den Bauch.

Als ich vor fünf Tagen aufwachte war mein erster Gedanke „der Hunger ist weg“. Die Verlassenheit und die Tristesse sind geblieben, aber der Hunger ist weg. Und also muss auch die Sprache wieder kommen. Nicht so einfach wie ich dachte, aber auch wenn mir der Boden unter den Füßen plötzlich im Nebel versank, so werde ich doch die Buchstaben wieder aneinander reihen.

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Das Melonenorakel….

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hat sich geirrt, denn am Ende wurde nicht alles gut, denn es war das Ende.

Fassungslos bin ich täglich auf die Station gerannt, habe Alarm gegeben und Ärzte wie Pfleger haben mit den Augen gerollt, wenn Frau Rambo wieder ankam. Ich habe mich von einem Pfleger anschreien und als lästige Verwandte beschimpfen lassen, während eine alte Patienten „schrecklich“ murmelnd über den Gang lief. Daraufhin schrie der Pfleger weiter, wie schrecklich die Patienten seien, neben den Angehörigen. Mir war das letztlich wurscht, denn es ging nicht um den Pfleger, nicht um das Gesundheitssystem, sondern um ihn – meinen Vater.

Im Hospiz kein Bett frei, im Krankenhaus keine Palliativstation und in den anderen Krankenhäusern nur volle Palliativstationen. Nach viel Alarm gab es ein First-Class-Einzelzimmer für den Sterbenden zweiter Klasse, so dass wir uns Tag und Nacht bei ihm abwechseln konnten. Einige Stunden am Tag ließen wir ihn alleine, damit er sich entscheiden kann, ob er in unserer Abwesenheit gehen mag oder lieber alleine. Ein Albtraum von fünf Wochen, in denen wir immer hofften, zu erwachen. Die Hölle ist nicht jenseits sondern diesseits. Sein Tod ist ein Trauma für uns. Sein Sterben ebenso, denn er wollte alles tun, alles ertragen, um bleiben zu können. Die Bedingungen seines Sterbens ein weiteres Trauma, das ich mehr erleide als die Mutter, da sie vieles nicht so genau mit bekam. Am Ende wurde alles gut, denn es war sein Ende und er konnte die Hölle verlassen in ein anderes Jenseits. Ich saß abends am Mainufer während die Mutter neben ihm im Krankenhaus schlief. Sein Leiden war so unermesslich groß, dass ich ihn plötzlich vor mir sah. Eine liegende Shilouette im vollmondgefluteten Nachthimmel, mit einer kleinen dünnen und silberfarbenen Nabelschnur, die sich im Universum verlor. Nachts um eins glitzerte der Main und ich bat den Vater, die Nabelschnur zu durchtrennen und los zulassen. Nur wenige Minuten später rief die Mutter aus dem Krankenhaus an, weil sie wach geworden war von der plötzlichen Stille im Zimmer. Er hatte los gelassen….. und das ist gut und so schlimm.

Bescheidenheit….

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sehe ich als Zeichen von Größe.

Ich mag sie nicht, die lauten Schaumschläger, egal ob intelligent oder blöd, obwohl mein Job das eigentlich auch erfordert. Aber das wollte ich eigentlich gar nicht sagen.

Ich mag, leise, freundliche Menschen, die ggfs. interessiert zur Kenntnis nehmen, dass Ansichten und Standpunkte sich unterscheiden, die fragen statt zu antworten, die bei all ihrem Status, Reichtum, Erfolg und what ever, immer noch wissen, dass wir kleinste Teilchen in einem Großen sind und die wissen, dass man sich nichts einbilden braucht.

Ich mag Demut, die vielleicht noch eine Steigerung von Bescheidenheit ist. Eigenartigerweise kommt das als Haltung nur in Religionen vor, nicht aber in Wissenschaft oder Ökonomie.

Und dann gibt es Trauer, die sich als Demut verkleidet, aber ganz anders daherschlappt. Sie umfängt dich mit dem Mantel des bescheidenen, demütigen Erkennens und wenn du glaubst, erkannt zu haben, wickelt sie dich in einen kühlen Kokon der Starre.

Seit die Möchtegernwindige unfreiwillig ging, ist zu viel Tod um mich herum. Zwei Onkel starben: der tanzende Kartograph und mein italienischer Herzensonkel. Derzeit kämpft der Vater, wie er es seit fast vierzig Jahren tut und die Kräfte gehen ihm aus. Die Kliniken sind von schneidigen Politikern und Beratern gut taylorisiert. Jeder tut, wofür er zuständig ist, Dienst nach Vorschrift und das, in größter Freundlichkeit.

„Ja, Sie haben Recht, so machen wir das“….. heißt es täglich. Sie haben dazu gelernt und verneinen nicht mehr, streiten nicht, schüchtern nicht ein. Man hat ihnen beigebracht, „kundenorientiert“ zu handeln und das heißt nun mal, nichts zu verneinen. Also lächeln sie gut geschult und bejahen, um hinterher dann noch nichts von dem Verabredeten zu tun.

Er ist alt und seit vierzig Jahren krank. „Sie wollen ihm doch nicht….“…. doch! Denn er will Leben. In der öffentlichen Diskussion hält man uns mit ethischen Fragen über zulässige Sterbehilfe bei Laune. Ich frage mich seit Monaten, ob nicht unser Gesundheitssystem eine einzige Sterbehilfe ist. Noch dazu eine, um die man nicht nachgesucht hat.

Soviel zu meiner Laune. Aber das Melonen-Orakel aus unserem Garten sagt: Es wird alles gut.

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Die Leichtigkeit, mit der Kinder töten….

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hat mich oft am Strand sitzen und staunen lassen. Reinen Herzens schleppen sie Krebse, Wattwürmer und Quallen aus dem seichten Wasser und schauen ihnen interessiert beim Sterben in Plastik-Eimerchen zu, oder verbuddeln alles im Sand. Was mögen die Mütter und Väter denken? Sehen sie den Nachwuchs bereits bei Jugend-forscht vor sich, oder denken sie einfach gar nichts, weil es so heiß ist, oder weil sie es sich erst gar nicht angewöhnt haben, das Denken?

Ich verstehe vieles nicht und albere mit der Freundin am Strand herum, betrachte mit glückshüpfendem Herz den neuen kleinen Hund, der sich so wunderbar entwickelt, seine Ängste überwindet und wie eine Surferbraut am Strand auf mich wartet, wenn ich schwimmen gehe.

Ich verstehe auch nicht, wieso mir das Schreiben so abhanden gekommen ist. Es hat sich in meinem Kopf verbarrikadiert, trotzig die Hände vor der Brust verschränkt und weigert sich, in die Finger zu fließen. Ich werde nochmal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen, dem Schreiben.

 

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Der Mai…(Rostparade 21)

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ist gekommen. Ahaaaa??? Ja????? Die Urlauberin im dreiweiterHaus auch. Tief in der Nacht und sehr laut. Jö…. das muss am vielen Regen gelegen haben.  Alles nass, aber das stört die Urlauberin im dreiweiterHaus nicht besonders.

Mich schon. Also die Urlauberin stört mich. Und die Tatsache, dass unser Maifeuer ins Wasser gefallen ist. Abgesagt wegen Starkregen und Wind. Na, ich weiß nicht, ob der Mai wirklich gekommen ist.

Die Freundin aus dem Osnabrücker Land tröstet mich mit Sonne, Blumen und Rost. Aber ich bin untröstlich und bade in einem Meer aus übler Laune.

 

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Am letzten Tag des Monats  folge ich mit Freude Frau Tonaris Rostparade. Bei Ihr sind alle relevanten Rostungen verlinkt🙂

Nackt……

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liegt die Insel in Grau und Braun und schlägt mir schwer aufs Gemüt.

Kein Wort will heraus aus mir, während ich vor Palmas Sessel sitze und mir die Augen aus dem Kopf und ganze Phantasiewelten hinein lese. Ich lese exzessiv gegen Grau und Braun und hebe nur den Blick, um auf das im Sessel wohnende Hundchen zu werfen.

Aber ich reiße mich zusammen und starte das, was ich am meisten hasse: Frühjahrsputz. Vielleicht hilfts ja nicht nur dem Haus, sondern auch der Seele.

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Marmor Stein und Eisen……….(Rostparade 19)

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bricht….. manche Liebe auch, manche Liebe nicht.

Ein Monument aus rostenden Beton und einer rostfarbenen Pflanzenkrone erinnert an eine unbekannte Liebe. „Die schönste Zeit meines Lebens verbrachte ich hier mit Dir“ schrieb ein Mensch und nagelte die gewichtigen Worte an den Betonpfeiler am Meer. Dort setzen sie Algen und Rost an, vergehen aber nicht.

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Am letzten Tag des Monats  folge ich mit Freude Frau Tonaris Rostparade. Bei Ihr sind alle relevanten Rostungen verlinkt🙂

Mit geschlossenen Augen….

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stehe ich am Bahnsteig und ignoriere die gefühlten 20 Mütter mit den gefühlten 30 Kindern und dem dazugehörigen Reisematerial aus Koffern, Buggys, Rucksäcken, rosafarbenen Puppenwagen, Teddys. Sie treten ihre Rückreisen aus der Eltern-Kind-Kur an. Einige brüllen und eine Mutter schimpft „die schlechte Laune lässt Du auf der Insel“. Gott bewahre – denke ich. Ein paar Zöllner stehen noch herum und also wird sich die Abreise verzögern, da sie erst den Zug durchkämmen werden, der gerade mit der Fähre aus Dänemark angeschippert kommt.

Ich setze mich zu einer italienischen Mutter mit ihren zwei wahnsinnig gut erzogenen Kindern und lausche ihnen sehnsüchtig, was sie nicht wissen können, was aber auch egal ist, denn die Kinder freuen sich an vorüberziehenden Pferdeherden, Schafherden und dem verbliebenen Schnee.

In Hamburg steige ich dann in den großen Zug, der mich nach Bankfurt bringen wird. Mit mir im Speisewagen sitzt der lustige TV-Arzt und telefoniert munter, während ich mir seine spitzen Schuhe aus Schlangenleder betrachte und zu lesen vorgebe. Der Blick in die Bordküche ist nicht wirklich appetitlich und die Toilette schwimmt in etwas, das ich nicht wissen möchte. Das hält einen jungen Mann nicht davon ab, in seinen Socken die nasse Toilette zu betreten und ich kriege Kopfkino. Sehe Bakterien, die er in die Wohnungen seiner Gastgeber trägt, weil er bemüht höflich, natürlich die Schuhe ausziehen wird usw. usw. usw. Der Frankfurter Bahnhof mit seinem Dreck, den Tauben und den schlurfenden oder hetzenden Gestalten trägt nicht zu meiner Entspannung bei. Die schlurfenden Gestalten das sind die, die Dich um einen Euro anbetteln, die nach Pfandflaschen wühlen oder mit zerrissenen Klamotten in einer Ecke am Boden liegen. Die hetzenden Gestalten das sind die Gewinner mit den guten Klamotten und den teuren Schuhen, die glücklicherweise nicht wissen, was sie noch alles erleben werden im Laufe ihres Lebens.

Mich befällt ein leichter Ekel und ich wünsche mich zurück aufs eisige, einsame Eiland.

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