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reise ich lange und mit Zügen. Ich buche den Ruhebereich im Großraumwagen und hoffe, dass die Leute sich dran halten und möglichst wenig lärmen. Ich tauche in einen Roman ab und lasse die Landschaft vorüberziehen: Meer, rote Backsteinhäuser, Kühe, dann hamburger Vororte und Umstieg in Hamburg. Der hamburger Hauptbahnhof ist regelmäßig mein erster Kulturschock. Dreck, Elend und zu viele Menschen. In der südlichen Bahnhofshalle seit langem schon, große Gruppen von Flüchtlingen mit Helfern in neongelben Westen. Ich habe 8 Minuten zum Umsteigen und hetze an den erschöpften und traurigen Gestalten vorbei. Japsend erreiche ich den nächsten Zug und hoffe auf alte Paare am Vierertisch, die schlafen oder sich anschweigen.

skyline

In Bankfurt ist es ähnlich: Dreck, Elend und zu viele Menschen. Nur keine Flüchtlingsgruppen. Wie kommt das?

Schlimm ist es, vom Bahnhof abwärts in die B-Ebene zu fahren. Mein erster Blick geht nach links, denn dort steht immer ein zwei Meter großer Hühne mit dunklem Haar und einem Kaffebecher in der Hand, mit dem er Kleingeld erbittet. Seit einigen Monaten ist sein Hund nicht mehr bei ihm und er gerät zunehmend in Verwirrung. Gestern hielt er den Reisenden seinen Becher mit zitternden Händen entgegen, an denen er stetig 1-2-3 abzählte. Die B-Ebene stinkt unsäglich nach Urin und Ausdünstungen. Dennoch stehen Menschen an Imbissbuden und Bäckereien, pfeifen sich Kaffee und Bratwürste rein. Ich hetze weiter, denn mein Magen verträgt das nicht. Springe in die U-Bahn und weiter geht’s zum Römerberg, wo ich ein Zimmerchen habe. Ich arbeite ein bisschen und am Folgetag geht die ganze Reiserei zurück.

Morgendlich fragt der insulanische Mann nach Keksrezepten während ich im überfüllten Großraumwagen stehe, und fassungslos die Menschenmassen beobachte, in deren Mitte ich eingezwängt stehe. Die Stimmung ist gereizt, Koffer werden über Köpfe hinweggehoben und ich lasse mich irgendwann in meinen Sitzfallen, die Nase schon im Buch und aus den Augenwinkeln schaue ich auf den Fluss, den wir überqueren. Die drei jungen Mädchen am meinem Tisch erzählen von damals, als seien sie alte Frauen, dabei kann „damals“ erst 3 Jahre her sein. Sie sprechen von Abi-Bällen und Abi-Kleidern und freuen sich auf irgendein Konzert. Mir geht mein eigenes Abi durch den Kopf. Wir trugen Palästinensertücher statt Abendkleider und wir grillten statt Bälle zu veranstalten. Die Mädels erzählen von ihrer „Einlauf-Musik“ und erst nach und nach verstehe ich, dass ihre Zeugnisübergabe mit Namensaufrufung und unter Abspielen der „Einlauf-Musik“ erfolgte. Ich denke: großes Kino für ein einfaches Abiturzeugnis. Kein Wunder, dass sie schon nach dem Abi denken, sie hätten es geschafft. Dabei fängt der Spaß doch jetzt erst an?

In Hamburg habe ich 35 Minuten Zeit. Ich haste an den Flüchtlingsgruppen vorüber und hole mir Gemüse beim Inder. Seit Monaten kontrolliert der DB-Sicherheitsdienst beim Zug nach Kopenhagen. Knapp die Hälfte der Reisenden sind Flüchtlinge. Müde schauen sie aus, verfroren und ein alter dürrer Vater trägt sein Kleinstes eingewickelt in einem Schlafsack. Die alte Mutter und die kleinen Mädchen finden irgendwo Platz. Sein ermatteter Ältester humpelt, schickt fragende Blicke und nimmt neben einer wunderschönen Blondine an meinem Tisch Platz. Der –höchstens- 16jährige geht am Stock und hat offenbar ein wirklich schlimmes Bein. Der Mafioso vom Nebentisch reicht ihm einen Keks rüber und im Bordbistro schwanken vier Männer mit ihren Biergläsern, die dem Kapitel „ich bliebe lieber Single“ entsprungen sind. Sie fahren saufend zu einer Schlagerveranstaltung an der Ostsee und kommentieren dröhnend die Weltenlage. Da platzt einer älteren Dame mit Hund der Kragen und sie schimpft lauthals mit den Kerlen. Sie sollten doch nicht immerzu die Blödzeitung nachplappern… und Achtung, bitte treten Sie nicht auf meinen Hund…. und sie regt sich so sehr auf, dass zwei der vier trunkenen Gestalten mit ihr ein Gespräch beginnen. Sie arbeite in der Flüchtlingshilfe und sie wisse, dass hier keiner her komme, weil er so scharf auf Deutschland sei. Einer der Schlagerfans meint, sie würden aber doch die Drogerieketten ausrauben und bestehlen. Das sei nicht wahr, kontert die alte Dame und erzählt, sie habe Wunden von Misshandlungen gesehen, die selbst die wankenden Gestalten zum Weinen brächten, wenn sie mit den Menschen sprächen, statt rechte Parolen nachzuplappern. Kurz vor der dänischen Grenze hat sie die Kerle gezähmt und nachdenklich gemacht. Sie wünscht ihnen eine fröhliche Schlagerparade und steigt mit ihnen aus. Der fremde Junge schläft und röchelt mit einer schweren Bronchitis.

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